Politik | Inland
12.09.2017

Anti-Blau-Kurs soll die Grünen vor dem Absturz retten

Die Umfragewerte der Ökos sind desaströs, dennoch wollen Lunacek & Co nicht verzweifeln. Der Grund: Noch hoffen sie auf die TV-Duelle und ihren strikten Anti-FPÖ-Kurs.

Es gibt "Tiere", bei denen haben selbst die Grünen genug vom Artenschutz. Die Spezies "Miet-Hai" gehört jedenfalls dazu, das konnte man jüngst im Wiener Europahaus beobachten.

Eben dort traf sich die Parlamentsmannschaft der Grünen zur Klubklausur. Und damit wirklich niemand vergisst, wie wichtig es ist, die Mieten gesetzlich bei 7,50 Euro pro Monat und Quadratmeter zu begrenzen, steht auf dem Rasen vor der Tür ein riesiger Aufblas-Hai, der sich den Rachen mit Geldscheinen vollstopft. Garstiger Miethai, garstiger!

Eine vom Aussterben bedrohte Spezies als Maskottchen für die Öko-Partei?

Angesichts der jüngsten Umfrage-Werte, die die Grünen knapp über vier Prozent und damit im Überlebenskampf um den Wieder-Einzug ins Parlament sehen, hat das eine gewisse Logik.

"Der Herbstwind bläst uns kalt ins Gesicht, darüber brauchen wir uns keine Illusionen zu machen", sagt Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Sie will die Probleme erst gar nicht kleinreden, der Sommer war für die Ökos in jeder Hinsicht verhagelt: Ein über Wochen andauernder Streit mit der Parteijugend, der Abgang von Parteichefin Eva Glawischnig und die sich dahinziehende Entfremdung und Abspaltung von Partei-Mitgründer Peter Pilz haben ein gerüttelt Maß an Verunsicherung in die Stammwählerschaft getragen.

Irritationen

"Natürlich werde ich bei Veranstaltungen von Sympathisanten gefragt, was bei uns in den vergangenen Wochen los war. Da gibt es Irritationen, keine Frage", bestätigt die langjährige Abgeordnete Alev Korun. Sie ist nicht die Einzige, die von solchen Begegnungen erzählt.

Doch wer meint, die Partei verfalle ob der bescheidenen Ausgangslage in Tristesse und Depression, der irrt. Weder die Routiniers, noch die hoffnungsfrohen neuen Kandidaten, fürchten ernsthaft, dass die Grünen dem nächsten Nationalrat nicht mehr angehören. "Wir waren früher immer Umfragen-Kaiser und sind dann am Wahlsonntag mitunter hinter den Erwartungen zurückgeblieben", sagt Frontfrau Lunacek. "Diesmal machen wir es umgekehrt. Es wird eine tolle Überraschung geben."

Ist das Zweck-Optimismus? Darf man schon von Realitätsverweigerung reden?

Mitnichten. Denn rund fünf Wochen vor dem Wahlsonntag hat man im Grünen Führungszirkel – noch – nicht alle Hoffnungen aufgegeben, man tröstet sich mit folgender Einschätzung: Der eigentliche Wahlkampf hat erst jetzt – also mit dem Schulbeginn und den TV-Debatten – begonnen. "Und vor allem die rekord-verdächtige Anzahl an TV-Duellen wird tendenziell eher der routinierten Ulrike Lunacek helfen und den Aufwärtstrend von Peter Pilz eher bremsen", sagt ein Partei-Stratege.

Ach ja, Peter Pilz. Auch er ist an diesem Montag Thema, wenn auch eher am Rande.

Denn die Grünen wollen den abgefallenen Mit-Gründer nur bzw. vor allem dort attackieren, wo er ihrer Meinung nach ur-grüne Werte verletzt. Man könnte auch sagen: verrät. "Pilz ist für den Bundestrojaner und das Ende der Pflichtmitgliedschaft in den Kammern", sagt Lunacek. Damit stelle er nicht weniger als das System der Kollektiv-Verträge in Frage.

Wahlmotiv Hurrikan

Bleibt die Frage, mit welchen Inhalten man abseits der Abgrenzung von Pilz von den derzeit fünf Prozent (KURIER-OGM-Umfrage am Sonntag) in Richtung Zweistelligkeit kommen will.

Die Antwort: Mit einem Bekenntnis zu Europa, dem Bildungsthema, "sozialer Gerechtigkeit" (z.B. leistbares Wohnen und Erbschaftssteuern)– und vor allem: mit dem Klimaschutz. "Nach dem heißen und trockenen Sommer und angesichts von Wetter-Phänomenen wie dem Hurrikan Irma ist der Klimawandel deutlich präsenter als vor einigen Monaten", sagt Klubchef Albert Steinhauser.

Wider die Blauen

Fast noch mehr hofft man am 15. Oktober auf ein anderes Thema. "Wir haben mit unserer Haltung zur FPÖ ein klares Alleinstellungsmerkmal", sagt Steinhauser.

Für SPÖ-Wähler gäbe es diesmal kein taktisches Wählen. Steinhauser: "Wer die Freiheitlichen in der Regierung verhindern möchte, der muss bei dieser Wahl die Grünen unterstützen. Weder die ÖVP noch die SPÖ schließen eine Regierungsbeteiligung der Blauen kategorisch aus."

Und wenn das alles nichts hilft? Wenn die Öko-Partei trotz ihrer Themen und FPÖ-Haltung abschmiert? "Gelingt in den nächsten Wochen keine Trend-Wende, also gehen unsere Werte nicht klar nach oben, dann müssen wir wohl unsere stärkste Karte spielen", sagt ein Vertrauter von Parteichefin Ingrid Felipe. Und was wäre diese Karte? "Dann müssen wir den Wählern klar und deutlich sagen: Entweder ihr entscheidet euch diesmal für uns – oder es gibt eben keine Grünen mehr im Parlament."