Politik | Inland
29.04.2018

Angst unter der Kippa: Zahl der Attacken auf Juden steigt

Woher kommt der Hass? Und was hat die Politik damit zu tun? Eine Spurensuche.

Es kann sein, dass Ihr Sohn als Saujude beschimpft wird.“ Diesen Satz sagt Hannes Winkelbauer öfter, als ihm lieb ist. Der Präsident des einzigen jüdischen Fußballvereins Österreichs, Maccabi Wien, nippt an seinem Wasser, dann schüttelt er den Kopf: „Für die Eltern der Kinder, die bei uns spielen, ist das schon eine heikle Sache.“

„Allahu akbar“ am Fußballplatz

Was Winkelbauer und Vorstandsmitglied Michael Margules, auf der Homepage des Vereins liebevoll „Obermakka“ genannt, über ihren Alltag erzählen, hat einen altbekannten Namen: Judenhass. Am Fußballplatz kommt er in Form von „Allahu akbar!“-Rufen ebenso daher wie Beschimpfungen, in denen von Gaskammern die Rede ist. Oder er äußert sich in Form von tauben Schiedsrichtern und fehlenden roten Karten: „Oft sagen sie, sie hätten die Beschimpfung nicht gehört. Aber manche hören das einfach nie“, sagt Winkelbauer.

Sieht man sich die Statistik an, so passt das Bild: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Österreich deutlich zugenommen. Waren es 2008 noch 46, sind es im vergangenen Jahr schon 503 gewesen, so das Forum gegen Antisemitismus. Woran das liegt? „Wir haben es mit drei Arten von Antisemitismus zu tun. Mit dem traditionell rechten, der immer schon da war; mit dem linken, der ganz speziell sich gegen Israel richtet; und wir haben es mit einer neuen, sehr unmittelbaren Art des Antisemitismus zu tun – mit dem islamischen“, sagt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde.

Wer nun aber glaubt, das Ganze sei ein Produkt der Flüchtlingskrise, liegt falsch. Angriffe mit muslimischem Hintergrund seien natürlich zum Teil importiert, sagt Deutsch – „aber nicht nur von einzelnen Flüchtlingen, die in den letzten Jahren nach Österreich gekommen sind. Es gibt auch Islamisten und türkische Nationalisten, die schon viel länger hier leben.“

Ein Kampf der Religionen also – auch am Fußballplatz?

So einfach ist die Antwort nicht. Denn bei Maccabi spielen nicht nur Juden – „etwa 50 Prozent haben eine andere Konfession“, sagt Margules. Bei den Kleineren seien es noch mehr, je älter die Spieler, desto mehr Religionen mischen sich – und ja, das macht die Angriffe am Platz nur noch absurder: Es reicht offenbar der Davidstern, den die Kicker des 1995 gegründeten Vereins tragen. „Wir haben bei fast allen Spielen einen Vorfall. Bei manchen Spielen haben wir überlegt, die Polizei zu holen“, sagt Präsident Winkelbauer.

Auch Oskar Deutsch kann dazu viel erzählen. „Jedes Mal, wenn ich ein Interview gebe oder öffentlich auftrete, kriechen einige Antisemiten hervor – und bestätigen, dass der Antisemitismus in Österreich sehr präsent ist“, sagt er . Was ihn besonders irritiert: „Die Leute trauen sich heute viel mehr.“ Früher hätten die Hassbriefe keinen Absender gehabt, man hatte offenbar Angst vor Konsequenzen. „Jetzt schicken sie Mails mit ihrem vollen Namen, und sie sind geradezu stolz darauf, dass sie uns ihre Meinung sagen können.“

Was hat sich hier verschoben? Was ist passiert, dass Judenhass nicht mehr durchgehend geächtet wird, in Deutschland Kippaträger attackiert werden, in Frankreich eine Holocaust-Überlebende sterben musste, weil sie Jüdin ist?

„Das ist ein Zeichen, dass die Dinge gefährlicher werden“, sagt Deutsch. Warum das aber so ist, nun ja, das ist nicht so einfach. Es hat viel mit der Politik hierzulande zu tun – und mit der Politik weltweit. Der Vorfall, bei dem den erst zwölf- bis 14-jährigen Maccabi-Spielern „Allahu akbar“-Rufe entgegenschallten, hatte nämlich auch einen politischen Hintergrund – die gegnerische Elf kam aus der Türkei.

„Die Rülpser werden mehr“

„Unterschwellig spielt die Politik immer eine Rolle“, sagt Maccabi-Nachwuchsleiter Margules; und gerade bei dem Spiel gegen die türkische Mannschaft habe man das gesehen: „Man merkt, dass sich die politische Szene in der Türkei in den letzten Jahren stark verändert hat.“ Dass mit der Zuwanderung auch ein Stück des Nahost-Konflikts nach Europa getragen wurde, ist ohnehin nicht von der Hand zu weisen. Der Vorfall, bei dem ein Syrer in Berlin einen Kippaträger angriff (siehe Artikel rechts), steht dafür prototypisch.

Doch auch das politische Klima in Österreich spielt eine Rolle bei dem, was gesagt werden darf und was nicht – und was gerade zum Trotz gesagt wird. „Natürlich wurden wir schon vor 20 Jahren beschimpft. Aber die Rülpser werden mehr, weil sich jeder mehr zu sagen traut – vom Wirt bis zum Schiri“, sagt Winkelbauer. Schließlich kommen noch immer zwei Drittel der Angriffe von rechts – oder zumindest aus einer rassistischen Ecke: „Wenn David Alaba nicht bei Bayern, sondern in Favoriten spielen würde, würde er vermutlich auch beschimpft werden.“

„Politik, die Antisemitismus und Rassismus zulässt, hat auch ihren Anteil“, sagt IKG-Präsident Deutsch. Die FPÖ ist für ihn mit ein Grund, warum sich die roten Linien verschoben hätten: „Man sollte die Tatsache nicht normalisieren, dass eine solche Partei in der Regierung ist.“ Dass die IKG beschlossen hat, keinen Kontakte mit der FPÖ zu halten, dahinter steht er: „Selbst wenn ich die Vergangenheit der FPÖ vergessen würde, wenn ich nur die Zeit seit der Angelobung im Dezember bewerte, bestärkt mich das in der Entscheidung – es hat mehr als 20 antisemitische oder neonazistische Fälle in den Reihen der FPÖ gegeben.“

Menschenhass trifft alle

Für Margules ist aber auch fatal, wie die politische Debatte generell verläuft. „Wenn auf ,die Muslime’ und ,die Ausländer’ gezeigt wird, wird ein Stimmungsbild erzeugt, dass uns Juden überhaupt nicht hilft“, sagt er, und Winkelbauer nickt: Stigmatisierung bleibt Stigmatisierung, und am Ende ist jeder irgendwo eine Randgruppe.

„Ob das von rechts, von links oder der islamischen Seite kommt, ist egal – das ist immer Judenhass. Das ist Menschenhass“, sagt Deutsch. „Am Ende des Tages ist man ein Teil dieses furchtbaren Krebs namens Antisemitismus. Dagegen müssen wir alle ankämpfen. “

Beim Wie, da sind sich die Maccabäer Winkelbauer und Margules einig: „Die beste Revanche ist, wenn wir gewinnen“, sagen sie. Aber noch wichtiger: Wenn Nichtjuden für Juden eintreten, wenn Antisemitismus nicht mehr toleriert wird, weil man das von klein auf am Fußballplatz gelernt hat, dann habe man schon viel erreicht. „Fußball verbindet alle. Das ist die beste Integrationsarbeit. Vielleicht können wir ja so Schlimmeres verhindern.“ Was sich Oskar Deutsch wünscht? „Meine Vision ist, dass wir unsere Kinder in die Schule schicken können, ohne dass ein Polizist davorstehen muss. So wie in allen anderen Schulen in Österreich.“