Politik | Inland
19.03.2018

"AHS sollen nur bestes Drittel nehmen"

Um die Mittelschule aufzuwerten, sollten deutlich weniger Kinder in AHS, plädiert die Direktorin.

Viel Wirbel hatte Anfang vergangener Woche ein Interview mit einer Wiener NMS-Lehrerin ausgelöst, die klagte, dass die Situation an ihrer Schule speziell durch streng muslimische Kinder immer schwieriger wird. Bildungsminister Heinz Faßmann erklärte am Sonntag, künftig solle nicht allein das Zeugnis über die AHS-Aufnahme entscheiden, sondern "objektive Verfahren". Also Aufnahmetests? Der KURIER hat bei der Wiener NMS-Direktorin Andrea Walach nachgefragt, wo es krankt – und welche Lösungen fehlen.

KURIER: Frau Direktor, haben wir ein Problem mit muslimischen Kindern an den Schulen?

Andrea Walach: Ich denke nicht, dass das per se ein religiöses Problem ist. Was ich bemerke, ist, dass sehr oft traditionelle Rollenmuster mancher Familien auf die religiösen Werte geschoben werden, um ihr Verhalten zu rechtfertigen. Es ist mehr ein gesellschaftliches Problem, kein religiöses. Dazu kommt, dass die Kinder zwischen zwei Welten aufwachsen.

Was meinen Sie damit?

Der Unterschied zwischen dem Schulalltag und der Situation daheim ist sehr groß. In unserer Schule werden die Lehrerinnen als Respektspersonen gesehen, daheim gibt es traditionelle männliche Rollenbilder, wo etwa Gewalt gegen Frauen als normal angesehen wird.

Können Sie nachvollziehen, dass Lehrer in Wiener Schulen den Schulalltag mitunter nicht mehr aushalten?

Natürlich gibt es Situationen, wo einem alles über dem Kopf zusammenbricht. Manchmal ist es schwierig. Auch, weil unsere Gesetze, etwa bei der Schulpflicht, nicht anerkannt werden. Kinder, die einfach drei Tage nicht kommen und irgendwelche Gründe vorschieben. Da haben wir dann keine wirkliche Handhabe.

Bildungsminister Heinz Faßmann will das ändern und verspricht mehr Möglichkeiten zur Disziplinierung. Gute Idee?

Der fünfstufige Plan, der derzeit gilt, bringt nichts. Das dauert zu lange, die Eltern merken das auch. Wenn es Probleme gibt, müssen wir sofort eingreifen können. Manchmal sind die Eltern nicht nur keine Unterstützung, sondern sie behindern die Kinder bei ihrer Schullaufbahn, weil das Verständnis für Bildung fehlt.

Was für eine Vorstellung haben diese Kinder vom Leben?

Die Kinder haben eine sehr hohe Selbstüberschätzung. Sie glauben, dass sie etwa in Mathematik oder Deutsch sehr gut sind, obwohl es oft nur zum Vierer reicht. Ich glaube, das kommt daher, da sie im Vergleich zu den Familienmitgliedern tatsächlich viel mehr wissen. Aber für unsere Gesellschaft können sie noch immer zu wenig. Und es gibt auch eine mangelnde Leistungsbereitschaft, sich anzustrengen. Trotz Angeboten wie die Hausübungsbetreuung ist es einfach angenehmer, keine Hausübung zu machen.

Was braucht es jetzt?

Meine Schüler sind meist Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Familien. Das sind Kinder, wo auch die Bildungswissenschaft weiß, dass sie es im Berufsleben am schwierigsten haben werden. Nur: Wenn man das weiß, würde es sicher helfen, wenn man die Klassen mit 25 Kindern nicht maximal vollstopft.

Sie haben ein eigenes System an ihrer Schule, wo sie die drei Klassen eines Jahrgangs zusammenfassen und die Kinder in homogenen Kleingruppen unterrichten. Klappt das?

Wir haben das von der Praxisforschung der Uni Wien ein Semester lang intensiv evaluieren lassen. Die Ergebnisse sind so überragend gut, dass ich das gar nicht für möglich gehalten habe. Die Kinder lernen so sehr gerne und sehr gut.

Die Bildungswissenschaft sagt, die Kinder eines Jahrgangs haben teils enorme Leistungsunterschiede von bis zu zweieinhalb Jahren. Ist das so?

Genau das ist das Problem. Wir haben Schüler, für die alles viel zu langsam geht und die sich im Unterricht langweilen und gleichzeitig Schüler, die nur schwer im Unterricht mitkommen und ständig unter einem enormen Druck stehen.

Schon lange zeigt sich, dass es eine "Flucht" in die AHS gibt, dass Eltern alles unternehmen, dass ihr Kind nicht in eine NMS muss. Jetzt kritisieren immer mehr, dass zu viele Kinder in den AHS sind, die da nicht hingehören. Wie sehen Sie das Problem?

Ich höre immer öfter von AHS-Direktoren, dass sie selber Aufnahmekriterien festsetzen wollen. So würde man auch den Druck von den Volksschullehrern nehmen, da diese nicht mehr entscheiden, ob die Kinder AHS-Reife haben. Das halte ich für eine sehr gute Idee.

Verstehen Sie die Angst mancher Eltern vor einer NMS?

Die NMS wäre als Schultyp für Kinder mit nicht so exzellenten Leistungen sehr gut geeignet. In den AHS sind die Anforderungen viel höher. Wir brauchen aber ein Schulsystem, in dem jedes Kind genau da abgeholt und gefördert werden kann, wo es gerade steht.

Die Kinder in den AHS, die dort eigentlich nicht hingehören, wären bei Ihnen Leistungsträger?

Genau. Ich sehe die Problematik, dass die NMS mit zu vielem Negativem behaftet ist: Als Ausländerschule, als Problemschule, als Brennpunktschule. Würde man diesen Schultyp aufwerten, wäre das sicher sehr gut für die Kinder. Ich verstehe derzeit aber auch das Bestreben der Eltern, ihre Kinder lieber in eine AHS zu geben, oder in Privatschulen, weil man sich ein besseres Umfeld für sein Kind erhofft. Hätten wir aber an den NMS eine bessere Durchmischung, dann müsste diese Angst bei den Eltern nicht mehr sein.

Also sollen die AHS deutlich weniger Kinder und nach strengeren Kriterien aufnehmen?

Bundesweit wechselt ein Drittel der Kinder von den Volksschulen in eine AHS, in Wien sind es mehr als 50 Prozent. Wenn nur mehr das beste Drittel in den AHS aufgenommen wird, würden aus meiner Sicht alle davon profitieren. Dann wäre auch das System durchlässiger, man kann ja auch nach der NMS in eine AHS-Oberstufe wechseln, es steht ja das ganze System offen. Manche Kinder bekommen eben erst später den dafür notwendigen Entwicklungsschub. Bei uns geht inzwischen ein Drittel der Kinder später in eine AHS Oberstufe, weil unser Lernmodell mit Kleingruppen funktioniert.

Denken Sie nicht, dass es derzeit schwierig ist, Eltern wieder für die NMS zu begeistern?

Das geht nicht von heute auf morgen. Früher war es kein Problem, sein Kind in eine Hauptschule zu schicken. Da müssen wir wieder hinkommen. Es sollten sich aber auch die AHS fragen, warum ein Teil ihrer Kinder dort nicht hingehört. Mir ist klar, warum: Wenn man mehr Schüler am Standort hat, braucht es mehr AHS-Lehrer und damit mehr Dienstposten für Bundeslehrer. Damit haben wir unseren Kindern aber keinen Gefallen getan.