Ärzte starten Offensive zum Ausstieg bei ELGA

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Patienten werden zur Verweigerung der Gesundheitsdaten ermuntert.

Es ist eine kleine Box mit großer Wirkung: Ab Montag werden alle Wiener Ordinationen von der Ärzte-Kammer mit einer "Info-Box" versorgt, die der Debatte rund um die Elektronische Gesundheitsakte, kurz ELGA, neue Dynamik gibt.

Die für die Patienten gedachte Box enthält einen Info-Folder, in dem die Ärzte-Vertreter erklären, warum sie ELGA "sehr skeptisch" gegenüberstehen und warum ihnen das neue System Zeit für die Betreuung der Patienten raubt. Dem nicht genug, enthält die Box eine Anleitung sowie Formulare, um als Patient aus ELGA heraus zu optieren, kurzum: Die bisher "nur" ELGA-skeptischen Mediziner mobilisieren – wenn auch subtil – für einen Ausstieg aus der Elektronischen Gesundheitsakte.

BETRIEBSVERSAMMLUNG DER AKH-ÄRZTE: PRESSEKONFERENZ Foto: APA/HELMUT FOHRINGER "Nach dem NSA-Skandal hat das nun publik gewordene Daten-Leck bei den österreichischen Bildungsdaten viele unserer Vorbehalte bestätigt", sagt Thomas Szekeres (Bild), Präsident der Wiener Ärztekammer, zum KURIER. "Gesundheitsdaten sind ausnehmend sensibel, offensichtlich gibt es kein System, das 100-prozentige Datensicherheit gewährleistet." Szekeres betont, dass die Ärzteschaft modernen Hilfssystemen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehe. "ELGA bietet aber keine erwähnenswerten Verbesserungen. Es ist in den Alltag der Ärzte schwer integrierbar, verfügt über keine brauchbare Suchfunktion in Befunden, und auch die Frage, ob der zu erwartende Nutzen die Kosten rechtfertigt, ist für uns nicht positiv beantwortet."

Nach derzeitigem Plan wird ELGA (Hardware, Vernetzungen, etc.) bis 2018 rund 130 Millionen Euro kosten. Im Gesundheitsministerium rechnet man freilich damit, dass ELGA letztlich jedes Jahr zumindest einen dreistelligen Millionenbetrag sparen kann. Das Argument: Durch die Vernetzung der wichtigsten Gesundheitsdaten könnten sinnlose Kosten, die derzeit durch doppelt und dreifach verschriebene Medikamente oder Mehrfach-Befundungen entstehen, vermieden werden.

Mehr Aussteiger

Die Dynamik, die die Info-Offensive der Ärzte auslöst, ist schwer abzuschätzen. Von den fast zehn Millionen Menschen, die eine eCard besitzen, haben bisher bereits 60.000 einen ELGA-Ausstieg angemeldet. Da – abgesehen von der Wiener Ärztekammer – auch andere Bundesländer ähnliche Kampagnen planen, ist aber davon auszugehen, dass die Zahl der ELGA-Verweigerer deutlich steigt.

Susanne Herbek, Chefin des ELGA-Projekts und selbst Medizinerin, kritisiert das Vorgehen der Ärzte-Vertreter: "Ich bedaure sehr, dass die Kammer diese Kampagne startet. Die besondere Vertrauensstellung, die Ärzte bei ihren Patienten genießen, wird benutzt, um mehr Transparenz im Gesundheitssystem zu verhindern."

Den Einwand der Kollegin weist Ärztekämmerer Szekeres zurück: "Die Transparenz gibt es längst. Völlig zu Recht kontrollieren die Krankenkassen schon jetzt genau, was wir Ärzte tun, verschreiben und verrechnen." So seien die oft zitierten Doppel-Befundungen vielfach Verlaufskontrollen. Szekeres: "Ein Blutbild wird oft nicht deshalb wiederholt, weil ein Arzt nicht weiß, was der andere tut, sondern weil man problematische Werte oder den Verlauf einer Therapie kontrollieren möchte." www.elga.gv.at

Gesundheitsdaten: Was ELGA kann
Wie funktioniert ELGA: Die Elektronische Gesundheitsakte ELGA ermöglicht ab 2015, dass die wichtigsten Teilnehmer des Gesundheitssystems (Spitäler, Ärzte etc.) via eCard auf Patienten- daten (Befunde, Medikamente) zugreifen. Befunde bleiben dezentral gespeichert (z.B. Röntgen beim Institut). Die Idee: Arzt und Patient haben online einen Überblick über Befunde und Krankengeschichte.
Fahrplan: 2015 sollen erste Daten aus den Spitälern ins System fließen, 2016 folgt der niedergelassene Bereich (Hausärzte, Fachärzte etc.). 2022 ist das System komplett – dann kommen Zahnärzte dazu.

Leitartikel

Hysterie um ELGA wird gefährlich krank

Rascher Zugriff auf Gesundheitsdaten ist überlebenswichtig. Dennoch droht ELGA ein Zwentendorf-Schicksal.

Es ist eine Geschichte, wie sie der Alltag schreibt: Eine ältere Dame weilt bei den Schwiegerkindern in Wien, erkrankt und kann nicht zum Arzt, um ein vergessenes, aber dringend nötiges Medikament zu erhalten. Was tun? Mit der eCard der bettlägrigen Patientin checkt der Hausarzt der Schwiegerkinder bei der Krankenkasse ein und sieht, dass das gewünschte Rezept regelmäßig verschrieben wird. Daten-Operation gelungen, Patient lebt auf. Gute Nachrichten wie diese macht das digitale Zeitalter schon heute möglich. ELGA, die Elektronische Gesundheits-Akte, soll einen Quantensprung bringen. Wenn Patient und Arzt es wollen (und nur dann), kann jeder Mediziner die medizinische Lebensgeschichte des Patienten hochladen.

Wer erinnert sich nicht an den quälenden Moment, wenn der Arzt fragt, welche Medikamente man nehme, was das letzte Blutbild ergab und wo die jüngsten Computertomografie-Bilder sind. Doppel-Medikationen erzeugen unnötige Kosten; Mehrfachbefundungen gehen, sobald teure Diagnose-Geräte ins Spiel kommen, richtig ins Geld, und falsche Arznei-Kombinationen können lebensgefährlich werden. Was diagnostiziert ist, kann bei Wechsel des Arztes oder ins Krankenhaus nicht mehr verloren gehen. Bei einem Unfall können ELGA-Daten überlebenswichtig werden: Blutgruppe, Vorerkrankungen und Medikationen. Gute Aussichten für Gesunde und Kranke also , so weit das Auge reicht.

Daten-Missbrauch auf Knopfdruck abstellbar

Und dennoch geht die Angst vor der schönen neuen Gesundheitswelt um: Weiß jetzt bald jedermann über jedermanns Wehwehchen? Muss man nun fürchten, dass der neue Chef über das Burn-out in der alten Firma Bescheid bekommt? Geht es nach immer mehr besorgten Österreichern, soll ELGA gar nicht erst richtig ins Laufen kommen. 140.000 haben sich das Abmelde-Formular schicken lassen, 60.000 bereits unterschrieben. Jetzt sollen auch noch die Ärzte ihre Patienten dazu aktiv ermuntern (siehe Bericht rechts). Ein zentraler Einwand der Mediziner verdient in der Tat aber mehr Beachtung: ELGA ist nicht benutzerfreundlich und kostet viel Zeit. Zudem fürchten die Ärzte, nach mühselig zeitraubender Daten-Durchsicht auch noch häufiger für Fehler in die Haftung genommen zu werden.

Gesundheitsminister Alois Stöger hat viel Arbeit vor sich, wenn ELGA nicht zum Zwentendorf der Krankenkassen werden soll. Er muss Ärzte und Patienten ins Boot holen und aus ELGA das machen, wofür es beste genetische Anlagen hat: Ein Win-win-Projekt für gesündere Menschen und Kassen. Dass auch der befürchtete Datenmissbrauch erfolgreich abgestellt werden kann, beweist EKIS. Das Datenfahndungsnetz erlaubt Polizei und Justiz, Vorstrafen auf Knopfdruck abzurufen. Zum Start hagelte es Missbrauchs-Skandale. Seit jeder Benutzer mit Namen und Datum Spuren hinterlassen muss, läuft EKIS wie am Schnürchen. Eine Zukunft, die ELGA für alle bescholtenen und unbescholtenen Steuerzahler zu wünschen ist.

(kurier) Erstellt am
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