1500 € für alle, das dauert noch Jahre

Christian Kern Rede im Nationalrat
Foto: KURIER/Jeff Mangione Kern, Kurn, Brandstetter im Parlament

Mindestlohn im KURIER-Faktencheck: Ein zu kräftiger Lohnanstieg könte viele Arbeitgeber überfordern.

Es gibt das Klischee von der Supermarkt-Kassiererin, die trotz Vollzeit und viel Druck mit nicht viel mehr als 1000 Euro im Monat nach Hause geht. Tatsache ist jedoch: Im Handel gilt ein Mindestlohn für Vollzeitbeschäftigte von 1546 Euro brutto.

Die meist weiblichen Kassiererinnen im Handel arbeiten jedoch oft auf Teilzeitbasis. Das bedeutet klarerweise einen kräftigen Abstrich vom Einkommen. So könnte das 1000-Euro-Klischee entstanden sein. Oder auch wegen der Netto-Rechnung: Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleiben der Supermarkt-Beschäftigten von ihren 1546 Euro brutto nur 1227 Euro netto übrig.

Doch mehr als 300.000 Vollzeitbeschäftigten in Österreich – davon zwei Drittel Frauen – geht es noch schlechter als der Kassiererin. Sie verdienen auch schon brutto weniger als 1500 Euro. Für diese Gruppe soll der Mindestlohn auf eben diesen Wert angehoben werden.

Das verspricht die Bundesregierung unter Rückgriff auf die Sozialpartner bis spätestens 30. Juni. Doch tatsächlich dürfte es Jahre dauern, bis wirklich alle Beschäftigten mindestens 1500 Euro brutto verdienen. Und das hat mehrere Ursachen.

Einmal ist die Bandbreite enorm: Sie reicht von Angestellten bei Ärzten (1370 Euro im Monat) über Serviererinnen in Konditoreien (1177 Euro) bis zu Kanzleikräften bei Rechtsanwälten (1023 Euro). Eine zu üppige Gehaltserhöhung auf einmal könnte daher viele Arbeitgeber überfordern.

Martin Gleitsmann, Leiter der Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer, sagte zum KURIER: "Man muss aufpassen, dass man im Bereich der Niedrigqualifizierten, wo extrem knapp kalkuliert wird, nicht manche Branche überfordert. Sonst steigt dort die Arbeitslosigkeit, und man erreicht das Gegenteil vom Gewollten."

Ein Vorbild gibt es: 2006 ging es um die Anhebung der Mindestlöhne auf 1000 Euro. Die Sozialpartner fanden sich in einer sogenannten Generalvereinbarung, die zwar anders als ein Generalkollektivvertrag nur freiwillig ist, aber dennoch hielt. 2010 waren die 1000 Euro erreicht.

Auch dieses Mal könnte es Jahre dauern, bis die 1500 Euro für alle erreicht sind. Bei Friseuren, wo der Mindestlohn bei 1344 Euro liegt, macht der Sprung auf 1500 Euro 11,6 Prozent aus. Kürzlich einigte sich die Branche darauf, die 1500 Euro für Fachkräfte ab 2019, für Hilfskräfte ab 2020 auszuzahlen.

Andere dürften mehr Zeit benötigen: Bei Kanzleikräften von Anwälten mit derzeit 1023 Euro würde die Erhöhung auf 1500 kräftige 46,6 Prozent ausmachen. Solch eine Erhöhung kann wohl nur auf Jahre verteilt in einem Etappenplan kommen.

Noch ist nicht einmal geklärt, was mit jenen Branchen geschieht, wo es gar keinen Kollektivvertrag gibt.

(kurier) Erstellt am
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