Politik | Inland
01.09.2018

12-Stunden-Tag: „Es kann ganz leicht sein, dass es Brösel gibt“

Vor heißer Lohnrunde: Die Debatte über den 12-Stunden-Tag dürfte sich bei den KV-Verhandlungen erst so richtig zuspitzen.

Die Regierung walzt die Rechte der Arbeitnehmer nieder. Das war am Freitag die unschwer zu deutende Botschaft der Gewerkschaftsaktion vor dem blauen Sozialministerium. Die Roten ließen eine Straßenwalze vorfahren, die symbolisch Gesundheit, Freizeit und Geldbörse platt macht. Anlass: Heute, Samstag, startet der verhasste 12-Stundentag.

Verhasst? Bestimmt nicht bei allen.

Wirtschaft, Industrie und Regierungsparteien jubeln, endlich werde jene Flexibilität möglich, für die man lange gekämpft habe. Die „jahrzehntelange Verhinderungstaktik der Gewerkschaft“ habe dazu geführt, dass die „von Beschäftigten und Betrieben gewünschte Flexibilisierung“ erst jetzt umgesetzt werde.

Die Gewerkschaftssicht ist eine gänzlich andere. „Wir sind sauer und können noch viel saurer werden“, droht Bau-Holz-Chef Josef Muchitsch. Nach Aktionen in den Bundesländern am Samstag mitsamt dem Startschuss für eine österreichweite Initiative und Plattform für eine gerechtere Arbeitszeit durch ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian in Wien, stehen demnächst die Lohnverhandlungen an. Und die dürften „heiß“ werden.

Am 18. September lädt der ÖGB zu einer Konferenz all seiner Kollektivvertragsverhandler. Am 20. September starten die Metaller in ihre traditionell richtungsweisende Lohnrunde.

Und Metaller-Chef Rainer Wimmer sagt zum KURIER: „Die Stimmung ist total aufgeheizt. Es kann ganz leicht sein, dass es Brösel gibt.“ Denn: Die Regelungen zum 12-Stunden-Tag „sind verrückt“, sagt der Top-Gewerkschafter ohne Umschweife. Sie seien gegen die „Selbstbestimmtheit der Menschen“ gerichtet. „Das Anordnen wird jetzt ganz prominent.“ Die frei wählbare Freizeit sei das Papier nicht wert, auf dem das stünde.

Konkret will die Gewerkschaft bei den Lohnverhandlungen daher zumindest eines von drei Gegenmodellen zum 12-Stunden-Tag herausverhandeln. Diese sind:

4 Tage Arbeit pro Woche Der ÖGB will die Vier-Tage-Woche als Anspruch in allen Kollektivverträgen durchsetzen. Wobei die Umsetzung teils sehr schwierig werden dürfte. So ist es im Tourismus üblich, dass die Saisonkräfte sechs Tage arbeiten und nur einen freien Tag pro Woche haben.

6 Wochen Urlaub für alle Auch diese Forderung missfällt den Arbeitgebern zu tiefst, mehr Urlaub bedeutet höhere Kosten. Beamte müssen nur 43 Jahre alt werden, um die 6. Urlaubswoche zu bekommen – nicht so in der Privatwirtschaft. Da gilt weiter, dass man 25 Jahre im selben Betrieb beschäftigt sein muss, um die 6. Urlaubswoche zu bekommen – und das schaffen immer weniger. Eine kurze Arbeitslosigkeit oder eine Karenz unterbrechen die Frist.

Besser planbare Freizeit Sollten weder die 4-Tage-Woche noch die 6. Urlaubswoche umsetzbar sein, will die Gewerkschaft wenigst eine besser planbare Freizeit erreichen. Die türkis-blaue Freiwilligkeit für die 11. und 12. Stunde Arbeit pro Tag sei reine Augenauswischerei. Schon jetzt gäbe es Firmen in denen der Chef sagt, dass das Fußball-Training oder der Gesangsverein reine Privatsache seien und eben kein Hinderungsgrund für die 12-Stunden am Tag.

Wimmer erinnert: „Eine Kündigung ist hingegen ohne Angabe von Gründen jederzeit möglich.“