Politik | Inland
08.04.2018

111 Tage Vizekanzler: Straches schwieriger Start

Kurz Regierungschef - Außenpolitik-Ausritte, Tschick-Turbulenzen, Facebook-Fauxpas:

Kann FPÖ-Chef Strache Vizekanzler?

„FPÖ-Chef Strache fordert Kanzler zum Rücktritt auf“.

So lautete die Kurzzusammenfassung der ORF -Pressestunde mit dem Oppositions-Chef vor sechs Monaten, als dieser Gast im sonntäglichen Vormittags-TV-Talk war.

Heute nimmt Strache erstmals wieder am selben Stuhl am Küniglberg Platz, nur wird die Schlagzeile diesmal wohl ein wenig anders lauten. Und nicht nur das: Weil Kanzler Sebastian Kurz gerade mit der halben Ministerriege in China weilt, tritt Strache nach exakt 111 Tagen in der Regierung im ORF als das auf, was er Zeit seines Politikerdaseins anstrebte: als Regierungschef.

Allein, wie gelang ihm der Umstieg von der Fundamental-Opposition in die türkis-blaue Regierungsspitze?

„Es war schon eher holprig“, analysiert ein Regierungsinsider knapp und verweist auf die größeren Auftritte des Vizekanzlers in der Öffentlichkeit. Diese fielen bisher tatsächlich nicht allzu positiv aus: Erst mauerte Strache in der Nazi-Liederbuch-Affäre rund um Parteikameraden Udo Landbauer, wenig später konterkarierte er in einem aufgetauchten Interview die heimische Balkan-Politik, indem er für die Abspaltung der „Republika Srpska“ warb. „Sehr tollpatschig“ agierte der Vizekanzler laut dem Politikexperten Thomas Hofer auch in der Debatte um das Rauchverbot und der daraus resultierenden Frage nach mehr direkter Demokratie – nicht zuletzt eckte der FPÖ-Chef mit seiner nächtlichen Facebook-Attacke gegen Moderator Armin Wolf an, indem er den ORF als „Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden“ bezeichnete. Kurzum: „In seinen ersten Wochen sah man schon, dass Strache die Gelassenheit für dieses Amt gefehlt hat“, so der Politikberater.

Hofer als ÖVP-Liebling

Der Vorteil für Strache: Auf türkiser Seite sieht man dem einstigen Oppositionellen so manches nach, und zwar mit dem steten Verweis auf die innerkoalitionäre Harmoniebedürftigkeit des neuen Vizekanzlers. „Strache ist immer noch froh über seinen neuen Job und bemüht sich die meiste Zeit, in allen Besprechungen für gute Laune zu sorgen“, erklärt ein ÖVP-Mann. Eine Parteikollegin legt nach: „Sicher hat er unterschätzt,wie viel Arbeit das alles ist – aber wenn du dir mit ihm etwas ausmachst, hält es schon.“ Die Chemie zwischen Strache und dem Kanzler habe zudem von Anfang an gestimmt – so sehr, dass hie und da nicht Freiheitliche, sondern ÖVP-Mitarbeiter die Reden des FPÖ-Chefs vorschreiben.

Um inhaltliche Details muss man mit dem FPÖ-Chef ohnehin nicht wirklich streiten, so ein Insider: Der erste Ansprechpartner bei Sachfragen und Feinheiten sei zumeist der blaue Regierungskoordinator Norbert Hofer. Dieser wird in der ÖVP, auch wenn man gar nicht explizit nach ihm fragt, als „herrlich pragmatisch“, „angenehm“ und „fachlich hervorragend“ bejubelt.

Politikberater Hofer ortet bei Strache allerdings Besserung: „Langsam findet er in die Spur, er hat sich gebessert und tritt ruhiger auf“, so der Experte. Wie unlängst beim Kopftuchverbot für Mädchen gesteht es ihm die ÖVP nun auch zu, Themen und Akzente zu setzen. Ein „Heimspiel“ sei dies für ihn gewesen, deshalb habe er die Erlaubnis zum Vorreiten gehabt, erzählt man sich in der Regierung. „Strache muss sein Profil gerade bei diesen Themen in der undankbaren Juniorpartner-Rolle ohne großes Ministerium schärfen“, erklärt Hofer – „denn ansonsten verschwindet er auf Dauer im Schatten des Kanzlers“.