Politik
09.03.2012

GB: Zehntausende Familien ohne Zuhause

Wegen der Krise und steigender Mieten können sich viele ihre Wohnung nicht mehr leisten. Doch Notunterkünfte sind rar.

Umgerechnet 1500 Euro pro Monat: So viel konnte Sandra Munoz für ihre Wohnung in London nicht zahlen. Die alleinerziehende Mutter eines zweijährigen Buben war schon kaum über die Runden gekommen, ehe ihr Vermieter im vergangenen Herbst plötzlich 450 Euro mehr forderte – und die Bezirksverwaltung der 38-Jährigen die Wohnbeihilfe kürzte. Kurz nach Weihnachten wurden Munoz und ihr Sohn vom Vermieter auf die Straße gesetzt. Jetzt leben sie in einem Ein-Zimmer-Appartement mit winziger Küche und ohne Kühlschrank in einem Hostel, das von der Gemeindeverwaltung betrieben wird – mit hundert anderen Familien.

Enormer Anstieg

Laut offizieller Statistik haben 2011 im 62 Millionen Einwohner zählenden Großbritannien rund 48.000 Haushalte bei den Sozialbehörden um Hilfe angesucht, weil sie nicht in ihren Wohnungen bleiben konnten. Das sind um 14 Prozent mehr als noch 2010 – der größte Anstieg in neun Jahren. In den betroffenen Familien lebten 70.000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, mitgezählt werden hier auch Ungeborene. Unter den 16- bis 24-Jährigen haben 17.000 Personen kein fixes Zuhause. Vom Staat können sie nur teilweise Hilfe erwarten.

Grund für diese Entwicklung sind die Wirtschaftskrise und ihre Folgen: hohe Arbeitslosigkeit, zahlreiche Eigentümerwechsel in Mietshäusern, Mietpreiserhöhungen, Kürzungen von Mietbeihilfen durch die konservative Regierung von Premier Cameron und Sparmaßnahmen in den Gemeinden, die Obdachlosen-Organisationen zu spüren bekommen. Wohnbauminister Grant fühlt sich nicht zuständig. Er verweist darauf, dass den Gemeinden im Vorjahr 77 Millionen Euro für die Unterstützung Not leidender Haushalte zur Verfügung gestellt worden seien. Verantwortlich für die Wohn-Krise sei die Labour-Vorgänger-Regierung, da sie die Staatsschulden und damit die Sparmaßnahmen verursacht habe.

Dunkelziffer

Wenn die Behörden betroffenen Familien unter die Arme greifen – bei Sandra Munoz war das lange nicht der Fall –, suchen sie für die Familien Notunterkünfte. Im Idealfall sind das günstige Sozialwohnungen. Da diese aber mittlerweile ebenfalls rar sind, landen viele Familien in Hostels, wo sich oft Eltern und mehrere Kinder einen Raum teilen müssen. Auch Bed-and-Breakfast-Pensionen werden mittlerweile angemietet, was die Behörden seit Jahren nicht mehr gemacht haben, weil die kleinen Betriebe wegen mangelnder Koch- und Waschgelegenheiten eigentlich für Familien unbrauchbar sind.

Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen sind die 48.000 Haushalte, die 2011 um Hilfe angesucht haben, und die Tausenden von Wohnungsnot betroffenen jungen Menschen nur die Spitze des Eisbergs – schlafen doch viele von ihnen bei Freunden oder Verwandten und fallen somit aus der Statistik. Viele landen auch auf der Straße, die Zahl der tatsächlich Obdachlosen ist um ein Fünftel gestiegen. Das Problem, so warnen die Organisationen, werde sich noch verschärfen, wenn die Kürzungen der Mietbeihilfen in wenigen Monaten voll einschlagen. Zehntausende weitere Familien würden ihr Zuhause verlieren.