Politik 05.12.2011

Eltern nach Tod des Kindes vor Gericht

Nach dem tragischen Tod ihres schwer kranken Kleinkindes in Tirol müssen sich Eltern und der Hausarzt vor Gericht verantworten.

Ja, aus heutiger Sicht hätte man anders entscheiden und Jakob in die Klinik bringen müssen", gestand eine 42-Jährige am Dienstag unter bitteren Tränen vor dem Innsbrucker Schöffengericht ein. Aber damals, seit klar war, dass ihr dritter Sohn an einem angeborenen schweren kombinierten Immundefekt (SCID) litt, "da war die Angst größer, dass sie ihn uns wegnehmen".

Nach einem kurzen Leben mit vielen Infektionen war Jakob am 6. März 2009 daheim gestorben. Im Alter von nicht einmal zweieinhalb Jahren.

Transplantation

Seit Dienstag müssen sich die Eltern des kleinen Buben und der Hausarzt wegen Quälens oder Vernachlässigens eines Unmündigen mit Todesfolge vor Gericht verantworten. Denn die Eltern sollen eine Knochenmark-Transplantation - als einzige lebenserhaltende Maßnahme - und Kontrolltermine an der Innsbrucker Kinderklinik verweigert haben. Zudem sollen sie abgelehnt haben, dass Jakob zur Vorbeugung mit Immunglobulinen behandelt wird. Dem Mediziner wird vorgeworfen, dass er die immer schwerer verlaufenden Erkrankungen des Kleinkindes nicht mit Antibiotika behandelte und nicht veranlasste, dass es in ein Krankenhaus eingeliefert wird.

"Todesursache war eine Sepsis als Folge gravierender Infektionen", zitierte Staatsanwältin Erika Wander aus dem Obduktionsbericht. Jakob litt zuletzt an einer schweren Lungenentzündung, bei der es sogar zu Verwachsungen gekommen war. Beide Gehörgänge waren vereitert, einer zum Teil zersetzt. Außerdem war das Kleinkind stark unterernährt. Andererseits konnten keine Spuren von Antibiotikum-Gaben nachgewiesen werden.

"Was haben Sie befürchtet bei einer Wegnahme?" wollte Richterin Gabriele Lukasser von der Mutter wissen. "Wir glaubten, dass Jakob wegen seiner seltenen Krankheit als Anschauungsobjekt missbraucht und mit unserem Kind geforscht wird", antwortete die Leidgeprüfte.

Hörsaal

Schon 1992 war ihr erstes Söhnchen, knapp zwei Monate alt, gestorben. "Damals wurde ich mit dem schreienden Baby im Hörsaal herumgereicht und nach drei Tagen heimgeschickt. Helfen konnte uns keiner." 1995 wiederholte sich die Tragödie beim zweiten Sohn, der ebenfalls starb.
"Deshalb hatten wir kein Vertrauen mehr", schilderte die Mutter. Dabei waren sie mit Jakob anfangs sogar noch in einer Spezialklinik in Ulm gewesen. "Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn die Transplantation gleich gewesen wäre", sinnierte die Osttirolerin. "Aber in einem Monat haben wir dort zu viel gesehen, das uns abschreckte." Etwa jenes sechsjährige Mädchen, das fünf Jahre seines Lebens in Spitälern verbracht hatte.
Vertagt auf 21. Juli. Dann sollen der mitangeklagte Arzt und Zeugen befragt werden.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011