Politik 05.12.2011

"Eine massive Trauerreaktion"

© Bild: Privat

Diplompsychologin Barbara Preiter im Interview.

Aus Ihrer Fachkenntnis heraus: Wie geht es den Überlebenden?
Ihre Welt ist vollkommen zusammengebrochen. Aus zwei Gesichtspunkten heraus: 1. Die eigene Todesangst, 2. Die Zeugenschaft des Grauens ringsum. Eben noch herrschte die heitere, gelassene, sichere Ferienstimmung. Nun liegen die Freunde als blutige Bündel herum - von einer Sekunde auf die andere. Das Gefühl der Ursicherheit ist kaputt gegangen. Eben noch habe ich mich in meiner Stadt, in meinem Land, im Kreise meiner Freunde und meiner Familie bewegt - plötzlich ist alles zerstört. Der Täter kam noch dazu in der Uniform eines Freundes und Helfers!

Was passiert da seelisch?
Es gibt eine massive Trauerreaktion. Zunächst ist es der Schock. Das langsame Realisieren der schrecklichen Ereignisse ist Überlebensstrategie. Unmittelbar während des Blutbads hat man ja "nur" zu funktionieren, man muss handlungsfähig bleiben, um zu überleben. Heute (Samstag) stellt sich das Belastungs-Szenario anders dar. Nun beginnen sich viele zu fragen: Wieso habe ICH überlebt? Wieso traf es die anderen, meinen Freund, meine Freunde?

Kommen da Schuldgefühle auf?
Ja, später. Es handelt sich um vermischte Schuldgefühle - zum einen, wie gesagt, die "abstrakte" Schuldzuweisung (Warum ich?), zum anderen ganz konkrete Selbstvorwürfe: Vielleicht haben manche tatsächlich Schuld auf sich geladen, als sie ihr Leben retten wollten, vielleicht haben dabei auch einige wirklich moralische Schranken überschritten (sprich: sich hinter anderen versteckt, andere als Schild vorgeschoben, über andere drüber gestiegen, draufgestiegen).

Was ist das schlimmste Gefühl im Augenblick des Amoklaufs?
Die Hilflosigkeit - man kann nichts tun. Für die Opfer stellte sich das schlimmste Szenario dar: Zugleich Chaos und Hilflosigkeit. Um das zu verarbeiten, da helfen Schuldgefühle. Auch in Hinblick auf zukünftige Ereignisse: Ich hätte was tun können, aber ich habe mich (vielleicht) falsch verhalten - das nächste Mal mache ich es anders, besser.

Was passiert konkret mit den zitternden Bündeln an Menschen, die gerade noch irgendwie davongekommen sind?
In Österreich verständigen die Einsatzkräfte (Feuerwehr, Rettung, Polizei) eigenständig sofort die aktive Krisenbetreuung bzw. die Krisenintervention des Roten Kreuzes. Das ist sicher auch in Norwegen ein Großeinsatz für die entsprechenden Helfer, die mit Psychologen anrücken. Vor Ort werden die Opfer in Empfang genommen, natürlich medizinisch versorgt, sofern notwendig, dann so schnell wie möglich mit ihren Angehörigen zusammen gebracht, die ebenso Hilfe und Betreuung brauchen. Natürlich wird versucht, sie von den Medien abzuschirmen. Manche der Opfer wollen/können schon reden, aber viele schafen das erst nach Tagen, Wochen oder Monaten. In Österreich wissen wir seit Galtür und Lassing, dass es mit einer psychologisch Erstversorgung allein nicht getan ist. Damit ist noch nicht "alles" aufgearbeitet. Viele benötigen eine anschließende Therapie.

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Erstellt am 05.12.2011