Politik
30.08.2012

Ein Loblied auf Osama bin Laden

Pakistan: Die Rote Moschee in Islamabad gilt als Zentrale islamistischer Hardliner – der KURIER traf ihren Imam zum Gespräch.

Eine Kalaschnikow neben einem Strauß Plastikblumen an der Wand, im Kasten liegt eine halbautomatische Pistole. Abdul Aziz Ghazi sitzt mit überkreuzten Beinen auf dem Bett und nimmt eine Banane von dem Teller, der vor ihm auf der Bettdecke steht: "Hat es der Mensch mit all seiner Technologie und all seinem Wissen geschafft, so etwas zu vollbringen?", fragt er, hält die Frucht in die Höhe und schält sie. "Das kann nur Allah", sagt er und beißt ab.

Abdul Aziz Ghazi ist Imam und damit geistiger Führer der Roten Moschee im Zentrum Islamabads. Jenes Gebetshaus, das seine Anhänger 2007 besetzt hielten und um das tagelange blutige Kämpfe tobten. Nach Darstellung der Regierung wurden in der Moschee Gotteskrieger herangezogen. Sie sollte abgerissen werden – worauf sie von Tausenden besetzt wurde. 62 Menschen starben offiziell bei der Erstürmung durch pakistanische Sicherheitskräfte. Inoffiziell ist von mehr als 100 die Rede. Darunter die Frau des Imams, sein Bruder und drei seiner Söhne. Er zeigt die Bilder ihrer entstellten Leichen und vergleicht sich mit dem Propheten Mohammed – auch der habe drei Söhne verloren.

Osama bin Laden

Sein Bruder kannte Osama bin Laden persönlich. Und darauf ist Abdul Aziz Ghazi stolz. Denn Bin Laden, der sei ein richtiger Mudschaheddin gewesen. Ein richtiger Mann. Ein Kämpfer. Der Imam selbst wurde wegen der Vorkommnisse in der Moschee in 23 Fällen des Mordes angeklagt – und in allen außer vier Fällen, die noch offen sind, freigesprochen. Derzeit ist er auf Bewährung.

Einige Ecken von der Moschee entfernt, am Ende einer schmalen Seitengasse mitten in einem dörflich anmutenden Wohnviertel der Hauptstadt, in einem flachen Gebäudekomplex sitzt er jetzt. In der von der Moschee geleiteten Madrasa. Auf einem Bett. Dieser zaghaft lächelnde Mann, der langsam und bedächtig sein Weltbild darlegt, in dem Selbstmordattentate durchaus ihre Berechtigung haben. In einer Schule, in der die Koran-Lehrer die Mädchen nur über Funk unterrichten, weil sie keinen Kontakt zu Männern haben sollen. Oder umgekehrt.

Waffen

"Ich muss bereit sein, mich zu wehren", sagt er mit Blick auf die Waffen im Raum und zeigt sofort seine Lizenzen. Angst, getötet zu werden, habe er aber nicht. "Was ist das für eine Welt?", sagt er und breitet die Arme aus. "Alles voll Dreck. Wenn ich sterbe, gehe ich zu Gott. Wenn ich hier esse, muss ich aufs Klo: Dreck. In mir: Dreck. Wenn ich im Himmel esse, wird es duften. Ich bin froh, wenn ich aus dieser dreckigen Welt verschwinde."

Aziz Ghazi operiert keineswegs im Verborgenen. Seine Schule bewegt sich in den Normen, die der Staat vorgibt. Neben dem Koran müssen auch noch andere Fächer wie Mathematik und Arabisch unterrichtet werden. Das sind die Auflagen der Regierung. Aber dass sich in dieser Schule alles um den Islam dreht, so wie ihn Aziz Ghazi interpretiert, daran lässt der 52-Jährige keinen Zweifel. Freie Bildung, Kost und Logis. Für Kinder, die überwiegend aus den ärmsten Schichten stammen und für deren Eltern eine kostenpflichtige Ausbildung für ihre Kinder niemals infrage käme.

Derzeit werden in der Madrasa der Roten Moschee 6000 Schüler unterrichtet – Burschen und Mädchen. Man ist um größtmögliche Unabhängigkeit bemüht. Die Schule unterhält einen eigenen kleinen Buchladen, eine kleine Apotheke. Gekocht wird selbst. Das alles wird durch Spenden finanziert. Und da sind auch dicke Geldbündel, die in ungezeichneten Briefumschlägen daherkommen. "Allah findet immer einen Weg", sagt der Imam.

Koran

Er nimmt ein deutschsprachiges Magazin in die Hand. "Könnte ein Kind, das diese Sprache nicht versteht, dieses Heft auswendig lernen?", fragt er und gibt sich selbst die Antwort: "Könnte es nicht." Der Koran aber, der würde sich Sure um Sure in die Köpfe der Kinder brennen, als sei er schon in ihnen. Es bereite ihnen keine Mühe, dieses Buch auf Arabisch – die meisten Kinder sprechen Urdu – auswendig zu lernen. Einen Ehrenpreis sollte er dafür bekommen, dass er Kinder im Islam unterrichte. Dennoch werde er als Terrorist beschimpft – doch Terroristen seien viel eher jene, die ihn als ebensolchen bezeichneten.

Würde ein junger Mann auf ihn zukommen, bereit, sein Leben zu opfern für den Glauben, so würde er ihn bitten, seine Tat nicht in Pakistan zu verüben, sondern nach Afghanistan zu gehen, beteuert Aziz Ghazi. Er bete für die Brüder, die dort kämpften. So wie alle in seiner Gemeinde.

Wenn die Wahrheit sichtbar werde, "dann werden beide (er meint Christen und Muslime, Anm.) erkennen, dass es nicht möglich ist, in Frieden zu leben." Er selbst befindet sich bereits im Krieg: "Was ist in Afghanistan? Spielen die da vielleicht Fußball oder was? Die Amerikaner spielen nicht – es herrscht Krieg." Aziz Ghazi hüstelt. "El Kaida, das ist einfach Dschihad, daran finde ich nichts Schlimmes."

Ein in einen weißen Umhang gehüllter Mann mit weißem Bart bringt ihm ungefragt und wortlos Apfelsaft. Hält auf den Boden gehockt das Glas für den Imam bereit, während der vor- und rückwärts wippend singend den Koran rezitiert. "Das sollten Sie auch tun. Das beruhigt. Das macht den Kopf frei", sagt er danach. Und zum Abschied: "Bitte, bleiben Sie doch zum Essen."

Rote Moschee: Tor zur radikalen Szene

Rekrutierung: Während der russischen Besetzung Afghanistans spielte die Rote
Moschee eine zentrale Rolle bei der Rekrutierung von
Widerstandskämpfern. Ebenso wurden Milizionäre für Kaschmir angeheuert. Die Moschee kooperierte mit dem Geheimdienst ISI, der sie nutzte, um die radikale Szene zu kontrollieren und zu instrumentalisieren. Damals war der Vater von Abdul Aziz Imam, der 1998 ermordet wurde. Danach übernahmen Aziz und sein Bruder Abdul Rashid die Leitung und schlugen einen offen regierungsfeindlichen Kurs ein.

Eskalation: 2007 Ein Scharia-Gericht wurde gegründet, Polizisten und sieben Chinesinnen, die der Prostitution bezichtigt wurden, wurden in die Moschee entführt. Die Regierung beschloss den Abriss. Ausschreitungen folgten. Die Moschee wurde von Sicherheitskräften umstellt. Abdul Aziz floh als Frau verkleidet. Am 10. Juli begann die Erstürmung, die 36 Stunden dauerte. Mindestens 62 starben.