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© dpa/Marijan Murat

Analyse
06/24/2016

Brexit: Quo vadis Europa?

Europäische Union in der Dauerkrise: Die Sicht eines Soziologen.

Aktueller geht’s kaum - pünktlich zum Brexit veröffentlicht der Historical Social Research (HSR) des GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften eine Analyse des Salzburger Soziologen Wolfgang Aschauer. Darin beschäftigt er sich - auf Basis des European Social Survey - mit den Ursachen, Charakteristika und potenziellen Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs in der EU. So werden Entwicklungen wie der aktuelle Brexit und das allgemeine Unbehagen, speziell der unteren sozialen Schicht, verständlich und nachvollziehbar. Eine Zusammenfassung.

Krise und kein Ende

Seit der Finanzkrise, die im Jahr 2008 von den USA ausging, befindet sich die Europäische Union in einem kritischen Zustand, mit enormen Herausforderungen. Damit verbunden ist ein immer stärker werdender Ethnozentrismus – von ethnos = griech.: Volk. Der Begriff bezeichnet eine politische Einstellung, die die Werte (z. B. Religion) und die Besonderheiten (z. B. Hautfarbe) der eigenen Volksgruppe (Ethnie) über die anderer Völker stellt. Damit verbunden: die Radikalisierung in vielen Europäischen Staaten. Die Faktoren dafür identifiziert Aschauer in der sozialen (Des-)Integration der EU-Bürgerinnen und -Bürger unter der Wirtschaftskrise, die unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise noch verstärkt wird, und zu starken Beeinträchtigungen des gesellschaftlichen Wohlbefindens führt.

Abkehr von der Solidarität

In der Bevölkerung vieler EU-Staaten entsteht somit eine hohe Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Abstiegsängsten und einem erhöhten sozialen Misstrauen Vorschub leisten. Des Soziologen zentrale These ist, dass die Folge dieses gesellschaftlichen Unbehagens eine Abkehr von der Solidarität zwischen den EU-Mitgliedsstaaten begünstigt und eine ethnozentrische Einstellung interhalb der Bevölkerung verstärkt. Auf Basis von Daten des European Social Survey 2006 und 2012 zeigt sich, dass sich die ökonomischen, politischen und kulturellen Unterschiede zwischen den europäischen Ländern zunehmend verfestigen: Die Kluft zwischen den europäischen Regionen wird größer. Aschauer weist nach, wie sich das gesellschaftliche Wohlbefinden im Zuge der Wirtschaftskrise gewandelt hat und sich die Unterschiede zwischen den 21 teilnehmenden EU-Staaten darstellen.

Mangelndes Vertrauen in die Politik

Dabei zeigt sich auch, dass in der Bevölkerung vieler EU-Staaten sowohl die Zufriedenheit mit den gesellschaftlichen Entwicklungen als auch das Vertrauen in die Politik stark zurückgegangen sind. Außerdem macht die Auswertung der Daten deutlich, dass die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Krise innerhalb der einzelnen Länder in einen deutlichen Zusammenhang mit ethnischen Vorurteilen gebracht wird. Dies führt – insbesondere in den westeuropäischen Staaten – zu Wertepolarisierungen, die den europäischen Einigungsprozess deutlich erschweren, wie sich an dem Zuwachs vieler nationalistischer Bewegungen und Parteien unschwer erkennen lässt. Die fehlende Sozialintegration von EU-Bürgerinnen und –Bürgern entfacht eine Kraft, die häufig unterschätzt wurde und wird.

Es brauche daher vermehrt Konzepte für eine neue gesellschaftliche Qualität. Empfindungen, Ängste und Wahrnehmungen der EU-Bürger müssten ernst genommen werden.

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