Politik 06.04.2012

Bosnien: Für jeden Toten ein roter Sessel

Vor zwanzig Jahren begann der Bosnien-Krieg. Der Schock hält noch immer an. Die Motivation für Reformen bietet nur die EU.

Unübersehbar zog sich am Freitag eine Reihe von 11.541 roten Sesseln mitten durch das Stadtzentrum Sarajewos. Sie blieben während des großen Gedenkkonzerts leer – als Referenz an die Toten der 44 Monate dauernden Belagerung der bosnischen Hauptstadt.

Am 6. April 1992 – unmittelbar nach der Anerkennung der Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas durch die Europäische Gemeinschaft – waren serbische Panzer auf den Bergen rund um Sarajewo aufgefahren, der Auftakt zu einem verheerenden Krieg.

Heute, zwanzig Jahre danach, ist Bosnien ein Land, das in seiner Entwicklung nicht weiterkommt, wie auch der Wiener Politikwissenschafter Vedran Dzihic weiß. Er ist in der bosnischen Kleinstadt Prijedor aufgewachsen, die heute in der serbisch dominierten Republika Srpska liegt.

Der Krieg brach aus, als Dzihic ein Teenager war. Auch aus seiner Heimatstadt verschwanden Bosniaken und Kroaten, in der Stadt und der Umgebung standen Gefangenenlager der Serben, die sofort die Kontrolle übernommen hatten. "In ganz Bosnien", sagt Dzihic, "gab es kaum jemanden, der nicht vom Krieg betroffen war. Die Spuren sind noch immer sichtbar, das prägt." Und auch "heute lädt die Situation in Bosnien niemanden ein, zurückzukehren", denn auch wenn die Waffen seit mittlerweile siebzehn Jahren schweigen, werde "der Krieg mit anderen Mitteln fortgesetzt".

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Politologe Dzihic: Krieg wird mit anderen Mitteln fortgesetzt
© Bild: Vedran Dzihic

Korruption, Reformstillstand, die Gräben, die der Krieg aufgerissen hat, machen es den Bosniern schwer. Das Friedensabkommen von Dayton (1995) verhindere heute das Zusammenkommen der unterschiedlichen Gruppen, ist Dzihic überzeugt. "Der Ethno-Nationalismus" – also das Beharren auf den ethnischen Trennlinien – rücke eine Aussöhnung in weite Ferne. Die meisten Politiker ziehen aus dem gegenseitigen Misstrauen Profit und spielen mit der Angst, sagt Dzihic. In manchen Gegenden Bosniens, wie in Srebrenica, sei ein Zusammenleben unmöglich. Zu groß ist das Trauma des Massakers an 8000 Männern und Burschen. Zudem ist die Wirtschaftslage katastrophal, mit Arbeitslosenzahlen bis zu 40 Prozent und großer Armut.

Zukunft

Einen Lichtblick bietet heute der mögliche EU-Beitritt – auch wenn Bosniens Weg dorthin noch eine ganze Generation dauern könnte. Darin bestehe die Motivation, dem absoluten Stillstand zu entkommen, so Dzihic: "Es ist die einzige Vision Bosniens." Noch heuer erhofft sich Dzihic wichtige Reformschritte, eine Verfassungsänderung steht ebenfalls an. Solche Schritte könnten den ersehnten Schub nach vorne bringen und die "verlorenen Jahre" Bosniens beenden.

( Kurier ) Erstellt am 06.04.2012