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Politik
12/05/2011

BMW-Familie Quandt über ihr Nazi-Erbe

BMW-Erbe Stefan Quandt und seine Cousine Gabriele sprechen erstmals über ihr Nazi-Erbe: "Man schämt sich."

von Susanne Bobek

Meine Argumentation ist für die Familie nicht sehr schön. Und ich weiß nicht, wie man als Familie damit umgehen soll", sagt der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck. Diese Woche ist sein Buch "Der Aufstieg der Quandts" erschienen. Auf 1184 Seiten wird eine deutsche Industriellenfamilie vorgeführt, die schon vor der Machtergreifung Hitlers sehr reich war und das Unrecht der Nazis skrupellos nutzte, um noch reicher zu werden.

Oma Magda Goebbels

Stefan Quandt und seine Cousine Gabriele haben jetzt erstmals ein großes Interview gegeben. In der Zeit standen sie dem Quandt-Biografen Rüdiger Jungbluth und Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Rede und Antwort: "Wir haben erkannt, dass es falsch war, nicht ganz genau wissen zu wollen, was geschehen ist", sagt Gabriele Langenscheidt-Quandt, deren Großmutter als Magda Goebbels in die Geschichte einging.

"Für unsere Familienhälfte spielt eine Rolle, dass wir den Schmerz unseres Vaters über seine Mutter miterlebt haben." (Harald Quandt war Magdas Sohn aus ihrer ersten Ehe mit Günther Quandt. Er erfuhr vom Mord und Selbstmord seiner Mutter in einem Lazarett.) " Magda hat im Führerbunker ihre sechs Kinder getötet. Unser Vater hat diese Halbgeschwister sehr geliebt. Und wenn man, wie ich, so etwas in der Familiengeschichte hat, dann denkt man: Schlimmer kann es nicht sein. Das ist die erste Wand gegen die man rennt, wenn man darüber nachdenkt aus welcher Familie man kommt", sagt die 59-jährige Gabriele Quandt in der Zeit. "Ich habe meinen Vater mal gefragt: Hast du eigentlich so viele Kinder, weil Magda so viele Kinder umgebracht hat? Da bekam ich wieder mitgeteilt, dass über dieses Thema nicht gesprochen wird."

Der Bessere

So gesehen war der Rüstungsfabrikant Günther Quandt "auf jeden Fall der Bessere". Auch wenn der von der Familie beauftragte Historiker Scholtysek zu dem Schluss kommt, dass er "für das Regime mitverantwortlich war". Stefan Quandt sagt der Zeit: "Dass unser Großvater über die Grenzen dessen, was man als Anstand eines ehrbaren Kaufmanns bezeichnet, hinausgegangen ist, sehe ich auch so. Es ist eine traurige Wahrheit, dass Menschen die Zwangsarbeit in Quandtschen Unternehmen nicht überlebt haben." Gabriele Quandt: "Natürlich fühlt man sich grauenvoll, wenn man das sieht und hört und es sich vorstellt. Man schämt sich."

Im Gegensatz zu anderen Familien, die stolz sind auf ihre Vorfahren, stehen die Quandt-Erben vor der Tatsache, dass sie sich von ihren Vätern, Herbert Quandt war maßgeblich mit der Organisation der Zwangsarbeit beschäftigt, und dem Großvater teilweise oder ganz distanzieren müssen. Der Zwiespalt sei riesig und schmerzhaft, sagt Stefan Quandt. "Es tut weh. Günther Quandt war unser Großvater. Aber wir hätten gerne einen anderen gehabt. Besser gesagt: Wir hätten ihn gerne anders gehabt", sagt Gabriele Quandt in der Zeit. Sie ist die Sprecherin ihres Familienzweigs. Ihre jüngere Schwester Colleen-Bettina Rosenblat-Mo konvertierte als junges Mädchen zum Judentum und heiratete in erster Ehe in eine orthodoxe jüdische Familie ein. Die Tatsache, dass sein Sohn eine Enkelin von Magda Goebbels zur Frau nahm, war dem Schwiegervater gar nicht recht.

Geldadel: Aufstieg der Familie Quandt

Industrielle Die Familie Quandt schrieb in Deutschland Industriegeschichte mit BMW und Atlanta, mit Varta und Daimler. Ihr Vermögen wird auf 20 Milliarden Euro geschätzt.

Aufstieg Die Quandts waren Tuchfabrikanten und wurden während des ersten Weltkriegs Uniformlieferanten. In der Weimarer Republik stieg Firmenpatriarch Günther Quandt zu einem führenden Industriellen auf. In der Nazizeit nutzte Quandt die Notlage jüdischer Firmenbesitzer "bewusst und kühl". Die Quandts beschäftigen rund 50.000 Zwangsarbeiter. Der Aufstieg setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg "ungebremst fort".

Aufarbeitung Die Familie öffnete für den Historiker Joachim Scholtysek alle Archive. Auf 1184 Seiten zeichnet er ein düsteres Bild. Er macht den Patriarchen für das Nazi-Regime "mitverantwortlich". "Sein Geschäftsmodell war untrennbar mit den Verbrechen der Nationalsozialisten verbunden".

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