Politik 19.04.2012

Berührende Momente

Bürgerinitiative: Das Händewaschen soll österreichisches Kulturerbe werden. Das haben ein Abt und ein Geschäftsmann bei der UNESCO beantragt.

Darf ich Sie waschen? Seine Frage lautet immer gleich. Und sie wirkt immer überraschend, um nicht zu sagen etwas befremdend. Wer will schon, dass einem ein vorerst noch Fremder die Hände wäscht? Wenn Robert Rogner zu einem Termin fährt, hat er immer sein eigenes Wasser (in einem repräsentativen Ledersack) dabei, außerdem eine Waschschüssel, mehrere Stück feine Seife und Handtücher. Niemals will er nur seine Hand zum Gruß reichen.

„Natürlich sind die Leute am Anfang überrascht“, erzählt der 43-jährige Miteigentümer des Rogner-Bau-und-Wellness-Imperiums und Mitautor des Bad Blumauer Manifests, in dem er sich gemeinsam mit dem Schokoladehersteller Josef Zotter und dem illustren Gründer der Handelsfirma „Sonnentor“ für ein nachhaltigeres Wirtschaften ausgesprochen hat.
Robert Rogner lächelt – zufrieden: „Dennoch habe ich noch nie von jemanden eine Abfuhr erhalten.“

Altes Kulturgut

Wäscht er seine Hände in Unschuld? Hat er einen Wasch-Tick? Ist er ein modernen Sauberkeitsapostel? Es gibt zig Möglichkeiten, sich über den Rogner-Sohn lustig zu machen. Doch geben wir ihm doch eine Chance. Der Hände-Wäscher, der beruflich viel unterwegs ist, beruft sich auf uraltes Kulturgut: Fuß- und Hand-Waschungen findet man in der christlichen, aber auch in der moslemischen und in der jüdischen Glaubenstradition.

Freundlich reicht er seinem Gegenüber die mitgebrachte Seife aus Bad Blumau. Dann benetzt er dessen Hände über der Schüssel mit dem ebenfalls mitgebrachten Wasser. Wurde ordentlich eingeseift, soll ein zweiter Schwung Wasser die Haut von der Seife befreien. Am Ende werden ihm auch die Hände getrocknet.

„Ich erinnere mich an viele Begegnungen, die waren nach dem Händewaschen im wahrsten Sinne des Wortes berührend, die haben eine ganz andere Qualität bekommen, weit entfernt von oberflächlich.“

Sein Kaffee, könnte man immer noch meinen. Allerdings: Nicht ganz mehr. Denn vor Kurzem erging ein Schreiben an die UNESCO-Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe in Wien – mit der Bitte, das uralte Begrüßungsritual in die Liste der schützenswerten österreichischen Traditionen aufzunehmen.

Die Generalsekretärin der Agentur, Gabriele Eschig, will zum laufenden Verfahren nichts sagen. Alles sehr kompliziert. Österreich halt. Doch Rogners Initiative wird inzwischen auch von den Benediktiner-Mönchen des Europa-Klosters Gut Aich am Wolfgangsee unterstützt. Dort wird jeder Gast vom Abt, Pater Prior Johannes Pausch, mit Wasser und Seife begrüßt. So wie das die Mönche seit vielen Generationen praktizieren.

„Eigentlich ist das nur eine bescheidene Geste, die aber große Wirkung hat“, erläutert der Abt. „Dadurch nehmen wir unser eigenes Selbst und unser Gegenüber viel bewusster wahr.“ In einer an sich körper- und noch viel mehr beziehungsfeindlichen Gesellschaft seien sinnliche Erfahrungen sehr wichtig.

Dass nun TV-Stationen aus seinem einfachen Händewaschen einen Event machen wollen, bringt den Ordensmann aber aus der Ruhe. Der Abt erzählt lieber von der Signalwirkung: „Mit dem Händewaschen werden Distanz und auch die Hierarchien sofort überwunden.“ Und wenn es nicht Kulturerbe wird? „Ist es mir auch wurscht. Weil wir werden das sicher beibehalten.“

 

Ein uraltes, überall bekanntes Ritual

Eigene Wasch-Rituale finden sich in allen Religionen, sagt der oberösterreichische Benediktiner-Abt Johannes Pausch. So fänden sich vor den Eingängen zu den Moscheen eigene Brunnen für die Gläubigen. „Es gibt genau beschriebene Regeln, wie man sich die Füße, die Hände und auch hinter den Ohren zu waschen hat."

Auch im Judentum spielt das Reinigen von Körper und Geist eine wichtige Rolle, wovon auch in mehreren Psalmen die Rede ist. Dabei geht es nie alleine um den reinen Waschvorgang, immer auch um die Symbolik. Pater Prior Johannes: „Man stelle sich vor, wenn Pilger nach einer langen Reise endlich ankommen. Wasser bringt Linderung für die Glieder – und für die Seele."

Oft ging es auch um die gegenseitige Berührung. In den meisten Klöstern Mitteleuropas wird das Waschen der Hände und Füße der Ankommenden heute nicht mehr praktiziert. Nur der Benediktiner-Orden im Kloster Gut Aich hält an dem alten Begrüßungsritual fest.
„Dafür ist gar nicht viel notwendig", erzählt der Abt. „Wasser, ein Lavoir, und in weniger als einer Minute ist man damit auch schon wieder fertig.

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( Kurier ) Erstellt am 19.04.2012