Bauer-Jelinek: "Einstweilen spielen wir noch Titanic"

Christine Bauer-Jelinek
Foto: Kurier/Mangione Christine Bauer-Jelinek

Interview: Die Autorin über Frauen als Retterinnen der Welt, Chancengleichheit und absurde Forderungen.

KURIER: Frau Bauer-Jelinek, dürfen wir Sie ab sofort Barbara Rosenkranz nennen?

Christine Bauer-Jelinek: Das schmerzt, aber es war zu erwarten, weil die Kritik am Umgang mit Kindern immer aus dem rechten Eck kommt. Dieses Feld wird komplett einer politischen Ideologie überlassen. Auch eine Motivation, warum ich das Buch geschrieben habe – das geht nicht. Damit ist das Thema nämlich so besetzt, dass sich die Leute, die gerne etwas sagen würden, nicht mehr trauen.

Ihr Buch lebt von Polarisation, ist die ultimative Reinwaschung der Männer. Geschrieben von einer Frau, die bewusst einseitig herangeht. Ist diese Radikalität Kalkül?

Ich bin ein Mensch, der die Dinge auf den Punkt bringt, nicht so der verbindliche Typ. Aber meine Themen sind mir immer wirklich ein Anliegen. Ich spitze zu, weil ich die Erfahrung gemacht habe, erst dann passiert etwas.

Sie sagen im Buch, es sei dringend notwendig, die negativen Auswirkungen der Emanzipation aufzuarbeiten. Die da wären?

Ich komme aus einfachen Verhältnissen und bin selbst der Prototyp dessen, was die Frauenbewegung bewirkt hat. Meine Sorge ist, dass es jetzt ins Gegenteil zu kippen droht. "Die Revolution frisst ihre Kinder" gilt auch für die Frauenbewegung. Jetzt kehrt sich all das, was einst mehr Chancen gemacht hat, in Zwang um. Wie etwa die Ganztagsverpflichtung als einzige Lösung bei der Berufstätigkeit.

Ist Chancengleichheit erreicht?

Ja. Die Forderungen danach waren immer die prägenden der Frauenbewegung. Gut so. Frauen können heute außer Priesterin alles werden. Sie haben im Familien- und Arbeitsrecht die gleichen Rahmenbedingungen. Dass die Umsetzung nicht gleich ist, ist eine Frage, wer Chancen wahrnimmt. Da stoßen zwei Ideologien aufeinander: Einerseits die freie Marktwirtschaft, die jedem das gibt, was er verhandelt, und auf der anderen Seite schaffen wir auf einmal geschützte Bereiche für die Frau.

Sie meinen im Buch, dass Frauen nur schlechter verhandeln.

Das ist definitiv so. Diese berühmte Gehaltsschere, die immer wieder kritisiert wird, liegt nicht an einer Benachteiligung der Frau. Männer, die so verhandeln, kriegen auch nicht mehr Geld. Was sie dem System nicht rausreißen, und zwar mit Zähnen und Klauen, das gibt das System nicht her. Und aufgrund der Erziehung sind die Jungs darin geübter, oft selbstsicherer, mutiger, auch präpotenter. Während Frauen vor einer Bewerbung sagen, "Da muss ich noch einen Kurs machen, und von fünf Anforderungen kann ich nur vier." Die müssen bei mir zehn Mal üben, wie sage ich, dass ich einen Bonus will.

Es gab die Hoffnung, dass Frauen menschlicheres Verhalten in die Unternehmen tragen. Trügerisch?

Ja. Ich halte das überhaupt für die größte propagandistische Idee, die es in letzter Zeit zum Frauenthema gegeben hat. Denn es ist ein Widerspruch in sich: Wenn Frauen und Männer gleich sind, warum sollen Frauen plötzlich menschlicher, moralischer und sozialer sein? Das ist die gute Mutter. Wir sollten aufhören, wie das Kaninchen vor der Schlange dauernd zu sagen: "Die Männer sollen sich ändern. Und wenn sich die Männer ändern, dann wird alles gut. Oder wenn die Frauen an der Macht sind, dann wird alles gut." Macht die Frau Merkel eine menschlichere Gesellschaft? Rettet die Frau Lagarde Griechenland? Hat die Frau Thatcher warmen Herzens die Sozialgesetze ausgebaut?

Sie monieren, dass den Frauen auf der einen Seite nichts zugetraut wird, sie auf der anderen Seite aber die Welt retten sollen.

Genau, es wird ihnen alles umgehängt, sie sollen alles auf einmal machen. Und viele Frauen tragen das: Ihre Karriere, das Unternehmen verbessern, für die Kinder da sein, sie biologisch ernähren und früh fördern, eine gute Partnerschaft führen. Hypersexualität sollen sie haben, und Sport sollen sie machen, Freiräume sollen sie sich schaffen, und die Alten sollen sie betreuen. Und dann sollen sie auch noch eine bessere Gesellschaft machen. Das geht sich nicht aus.

Das ist wohl der Kernsatz Ihres Buches. Aber was ist die Lösung?

Ich bin nicht angetreten mit dem Satz, ich weiß, wie es geht und macht es bitte so. Soviel steht aber fest: Die Vollzeitarbeitsplätze werden weniger. Wenn also alle – so die Ideologie – Vollzeit arbeiten müssen, wird ein extremer Konkurrenzkampf unter den Arbeitnehmern beginnen, das Lohnniveau stetig sinken. Darauf sagen zurzeit alle: Noch mehr Vollzeitarbeit, noch länger – bis 67 – arbeiten. Das Angebot wird ständig ausgebaut. Meine Vorstellung wäre: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Aber das ist ein persönlicher Wunsch.

Eh, und Weltfrieden hätten wir auch gerne. Wer soll das zahlen?

Klar, dass die Wirtschaft das sagt. Es geht sich tatsächlich nicht aus, wenn die Gewinne ständig exorbitant steigen müssen, wie sie das jetzt tun müssen. Wer hat das jemals so festgelegt? Das ist eine Entwicklung unseres finanzgetriebenen, neoliberalen Systems. Wenn man das als Naturgesetz ansieht, dann wird’s auch niemand ändern wollen. Und die Schere wird weiter aufgehen. Und es werden üble Zeiten auf uns zukommen. Da werden wir zu Sklaven. Nein, das kann so nicht weitergehen, und das wissen auch alle. Nur: Einstweilen spielen wir noch Titanic. Der Eisberg hat uns schon gerammt. Das Unterdeck füllt sich bereits mit Wasser. Doch wir dinieren oben bei leiser Musik. Dabei hätte der europäische Mensch das Potenzial, Veränderung einzuleiten.

Der Einzelne ist also gefordert, mit Bereitschaft zum Verzicht?

Ja, die Werteorientierung müsste zurückkehren. Ich orte, dass sich die Generation 35 Minus diesbezüglich teilt: Die einen machen zwei Studien gleichzeitig, lernen vier Sprachen, Auslandsaufenthalte, steigen voll ein. Eine sehr große Gruppe junger Menschen verweigert sich aber auf niedrigem Niveau. Die wollen mehr Zeit für Beziehungen haben, für Kinder, für Freunde. Die arbeiten nur 30 Stunden pro Wochen und sagen: "Ich komme mit 2000 € aus. Ich muss nicht mehr haben, sondern will leben."

Wir beklagen steigende Scheidungs- und Burn-out-Raten. Ist das für Sie eine Bestätigung?

Das war der Anlass für das Buch. Seit der Jahrtausendwende, mit der Euro-Einführung, beobachte ich bei meinen Klienten-Gesprächen eine starke Radikalisierung, was das Klima, den Druck in der Arbeit betrifft, Existenzängste inklusive. Die hohen Scheidungsraten sind eine Folge der Tatsache, dass die Menschen keine Zeit für die Beziehung haben.

Studien belegen, dass immer mehr Frauen zurück an den Herd wollen – etwas, das in den 1980er- und 1990er-Jahren undenkbar gewesen wäre.

Es geht nicht um "Frauen zurück an den Herd", sondern um "abwechselnd zurück an den Herd". Wobei: Dieses "an den Herd" ist so negativ besetzt. Ich bevorzuge: Menschen müssen abwechselnd freigestellt werden für Zuwendung. Zyklische Arbeitsmodelle wären denkbar.

Und wie soll das finanziert werden?

Wir brauchen eine Absicherung derer, die sich in der Familie um Kinder und Alte kümmern – nicht für sechs Monate oder noch kürzer, sondern für drei Jahre. Und es muss einen Mindestlohn geben, denn eine Familie muss von einem Vollzeit-Äquivalent – ob weiblich oder männlich – leben können.

Dieses Ideal, das Sie da im Kopf haben, ist weit von der politischen Realität entfernt.

So ist es. Wir wollen einerseits mehr Kinder haben und andererseits ist immer alles absurd, weil man es an der Klippe der Gewinnmaximierung und der Staatsverschuldung misst.

Worüber Sie hier reden, hat mit der Frau nur am Rande zu tun. Warum also diese bewusste Provokation der Feministinnen?

Die Geschlechterfrage verdeckt die soziale Frage – es ist ein Stellvertreter-Krieg. Man liest wahnsinnig viel über "wie die Frauen", "was die Frauen", "wie viele Frauen". Die Geschlechterfrage lenkt in der veröffentlichen Meinung von den wirklichen Themen ab. Da bräuchte es Denkanstöße. Statt sich mit Quoten beim falschen Feind abzuarbeiten.

Sie sagen, Frauen haben lange und erfolgreich um etwas gekämpft, wie Wahlrecht, Gleichstellung. Jetzt kämpfen sie gegen etwas – gegen die Männer?

Genau! Es ist einfach so, dass Befreiungsbewegungen fast immer den Punkt versäumen, an dem sie sich erübrigen. Wenn sie ihre Ziele erreicht haben, beginnen sie, sich zu radikalisieren, um sich zu erhalten. Ich versuche eine Politisierung beider Geschlechter zu erreichen und nicht die Geschlechterfrage als Stellvertreter-Krieg weiterzuführen. Daher ist es ein Frauenbefreiungsbuch und damit auch ein Männerbefreiungsbuch. Wenn die Männer weniger Schuldgefühle haben, werden sie auch bessere Liebhaber, Manager, Politiker und Partner.

Lesen Sie am Montag: Der Widerspruch: Die Feministin Eva Rossmann im großen Streitgespräch mit Christine Bauer-Jelinek.

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(kurier / Susanne Mauthner-Weber und Michael Hufnagl) Erstellt am
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