Nein, Liebe ist es nicht: Cameron und Merkel lagen oft im Clinch – ohne einander will man aber auch nicht

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Please don’t go!
06/17/2016

Ziemlich beste Feinde: Wie die Deutschen die Briten halten wollen

Deutsche und Briten, das ist nach wie vor kompliziert. Berlin wirbt deshalb subtil und mit Humor dafür, dass die Briten bleiben.

von Evelyn Peternel

„Das ist ein tragischer Vorfall“, einfach furchtbar, sagt Angela Merkel zum Tod der britischen Abgeordneten Jo Cox am Donnerstag. Auch mit Blick auf die jüngsten Terrorakte in Orlando und bei Paris betonte die deutsche Kanzlerin: „Wir haben es im Augenblick mit einer sehr schwierigen Situation zu tun, die betroffen macht und die uns eigentlich alle mahnen sollte, dort, wo es politische Einigkeit gibt, auch politische Einigkeit zu demonstrieren.“

Über einen möglichen Zusammenhang mit dem britischen EU-Referendum wollte sie nicht spekulieren. Schon ein paar Stunden zuvor verweigerte sie in Berlin, explizit zum Brexit Stellung zu nehmen. Nein, das werde sie nicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Vorteil wäre“, schwurbelte Merkel. Ein klares Statement dazu, was die Briten bei einem Austritt erwartet, entkam ihr nicht.

Wenn es um das Briten-Referendum geht, bleibt man in Berlin gern im Konjunktiv. Hinter den Kulissen macht zwar niemand ein Hehl daraus, dass ein Austritt ein Desaster wäre, nach außen hin ist man aber dezent – so sehr, dass auf der Insel von einem "self-imposed vow of silence", einem selbst gewählten Schweigegelübde die Rede ist.

"Blitz the Fritz" gilt noch immer

Der Grund dafür ist altbekannt. Deutsche und Briten, das ist nach wie vor kompliziert, selbst 71 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen sind im britischen Boulevard nach wie vor "the Huns", die marodierenden Hunnen; wenn es um Fußball geht, wird noch immer zum "Blitz the Fritz", zum "Blitzkrieg gegen die Deutschen" gerufen. Diese Ressentiments haften; das weiß auch Nigel Farage. Kaum eine Auftritt des UKIP-Chefs kommt ohne Attacke auf Merkels "Allmachtsfantasien" aus – das zwingt Deutschland zur Zurückhaltung. Man will ja nicht den Eindruck erwecken, den viele Briten ohnehin haben: dass die Deutschen andere gern bevormunden.

Gründe, sich dennoch für ein "Remain" einzusetzen, hat Merkel viele. Mit London fiele der drittgrößte EU-Nettozahler aus, das müsste auch Berlin kompensieren; von bis zu 2,5 Milliarden pro Jahr ist da die Rede. Auch die deutsche Wirtschaft wäre schwer getroffen – vor allem die schwächelnde Autoindustrie. Dazu kommen politische Komplikationen. So oft David Cameron und Merkel auch nach außen hin im Clinch lagen, so oft zogen sie in Brüssel auch an einem Strang – in puncto Steuern, Finanzen oder Freihandel lagen Deutschland und Großbritannien stets auf einer Linie. Auch die Rolle Londons als "Kostenbremser" war Merkel oft sehr recht. Ohne die Briten wäre sie in Brüssel deutlich einsamer, als sie es jetzt schon ist – und müsste mit dem schweren Erbe leben, den beginnenden Zerfall der Union nicht verhindert zu haben.

Bratwurst-Politik

Weil die große Politik selbst nicht tätig werden kann, muss sie auf stille Diplomatie vertrauen – und auf kleine Initiativen, wie die der "Jungen Unternehmer". Deren Chef Hubertus Porschen warb in London auf der Straße gegen den Brexit – mit Bratwürsten. "Wir wollen nicht, dass die Briten auf deutsche Bratwürste verzichten müssen", sagt er lachend zum KURIER. Ernst ist es ihm aber allemal: "Bei einem Brexit wäre Deutschland isoliert."

Ebenso plakativ wirbt Wolfgang Tillmans um ein "Remain". Der weltbekannte Fotograf, der in London und Berlin lebt, ließ in Großbritannien Plakate affichieren, die vor einem Austritt warnen. Er will so gegen den "drohenden Dominoeffekt" mobil machen. " Eine geschwächte EU wäre ein Fest für die Rechtsaußenkräfte innerhalb der EU", so der Künstler im Interview mit derDeutschen Welle.

Der Einzige, der im subtilen deutschen Werben aus der Reihe tanzt, ist Wolfgang Schäuble. "Out is out", ließ er den Briten jetzt via Spiegel, der dem Brexit eine zweisprachige Sonderausgabe gewidmet hatte, ausrichten. Kurz davor gab er sich in London noch etwas emotionaler: "Wir würden weinen", sagte er zum drohenden Austritt. Man wird sehen, ob das nützt.

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