Politik | Ausland
02.11.2017

Wo Repression zu Terror führt

Das Regime in Taschkent hat das Land zum Rekrutierungsfeld für Radikale gemacht.

Gleich vier Attentate haben sich in diesem Jahr weltweit ereignet, die von gebürtigen Usbeken verübt wurden: Die Schießerei in einem Nachtclub in Istanbul zu Silvester. Ein Bombenanschlag in St. Petersburg. Eine Amokfahrt in Stockholm. Und jetzt eine ebensolche in New York. Allesamt Anschläge, die von Usbeken verübt wurden, die jahrelang außerhalb Usbekistans gelebt hatten – was bei einer geschätzten Diaspora von 30 Millionen Menschen keinesfalls als Pauschalisierung aufgefasst werden darf.

Als der Attentäter von New York, Sayfullo Saipov, 2010 in die USA kam, soll er laut US-Medien keinesfalls religiös gewesen sein. Seine Familie wird als bescheiden wohlhabend und säkular beschrieben. Bekannte aus seiner ersten Zeit in den USA beschrieben ihn als einen, der ab und zu in die Moschee ging. Erst im Vorjahr sollen Bekannte Veränderungen bemerkt haben. "Depressiv" und "verschlossen" sei er geworden, habe sich zunehmend von der Community von Usbeken in den USA abgekapselt. Auch über eine Rückkehr nach Usbekistan soll er nachgedacht haben.

Vor einigen Monaten soll es dann erstmals einen Streit gegeben haben, nachdem Saipov in einer Debatte radikale Ansichten vertreten habe. Ein letzter Kontakt vor zwei Monaten sei dann aber wieder friedlich verlaufen, hieß es. Dann der Anschlag.

Usbekistan ist in seiner totalitären Nachbarschaft durchaus ein Spezialfall. Was in Moscheen gepredigt wird, unterliegt staatlicher Zensur. Ebenso verhält es sich mit religiösen Bildungseinrichtungen. Es bestehen Bekleidungsvorgaben. Der Geheimdienst ist überall. Widerspruch oder Kritik – egal von welcher Seite – wird mit aller Härte bestraft. Bei vielen Usbeken hat sich die Meinung breit gemacht, dass sich der Staat seinen eigenen, ihm dienlichen Islam maßgeschneidert hat – der mit der Religion an sich aber nichts mehr zu tun hat.

Dieser staatliche Druck lässt Gegnerschaft nur im Untergrund zu. Er hat Raum geschaffen für eine Subkultur, in der Islam und durchaus auch radikaler Islam zur Protestkultur wurde.

In den Untergrund

Es war ein junger Gläubiger mit dem Namen Tohir Yuldash, der dem damals neuen Präsidenten Usbekistans, Islam Karimov, 1991 eine Lektion über gute Regierungsarbeit erteilte. Widerstand hatte sich gegen den neuen Präsidenten in dem gerade unabhängig gewordenen Staat formiert, und Karimov sah sich gezwungen, dem persönlich die Stirn zu bieten. Es war das letzte Mal, dass er sich direkt mit seiner Gegnerschaft auseinandersetzte.

Nach dem Treffen kamen nur die Methoden des Polizeistaates zum Tragen. Karimov blieb Präsident bis zu seinem Tod 2016. Tohir Yuldash ging in den Untergrund und wurde Chef der Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU), die in Usbekistan den Umsturz versuchte, später mit den Taliban in Afghanistan gemeinsame Sache machte, schließlich in Pakistan Fuß fasste und heute eine international agierende Terrororganisation ist.

Schon 1991 und in den Folgejahren waren wegen Karimovs Vorgehen warnende Stimmen laut geworden, dass die brutale Unterdrückung jeglicher Opposition nur zu deren religiöser Radikalisierung führen werde. Warnungen, die sich bestätigen.