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Italien
05/12/2014

Wo die Feinde von Premier Renzi und Papst Franziskus wirklich sitzen

Autor Corrado Augias erklärt Berlusconis Unverwüstlichkeit und sorgt sich über die Flucht vieler kluger Köpfe.

von Irene Mayer-Kilani

Der politische Autor und Historiker Corrado Augias zieht im KURIER-Gespräch einen Vergleich zwischen Premier Matteo Renzi und Papst Franziskus: Beide würden versuchen, ein erstarrtes System zu erneuern.

KURIER: Ex-Premier Berlusconi hat am Freitag seinen Sozialdienst angetreten. Hat er politisch noch Chancen, etwa bei den EU-Wahlen?Corrado Augias: Das Urteil ist eine Farce und eine Demütigung für jede Person mit italienischem Pass. Es gibt alarmierende Zahlen, wonach seine Partei um die 20 Prozent schaffen könnte. Feststeht, dass er noch immer von Millionen Italienern unterstützt wird. Er fühlt sich jedoch deutlich geschwächt, das zeigt die Tatsache, dass er seine Tochter Marina als Nachfolgerin ins Spiel bringt.

Wird Berlusconi seine Auftritte beim Sozialdienst für Wahlpropaganda nützen?

Berlusconi hat das diabolische Geschick, sich an Situationen rasch anzupassen. Er gibt den Faschisten bei Treffen mit Faschisten und mimt unter Partisanen den Widerstandskämpfer. Mit unverfrorener Leichtigkeit, ohne jedes Schamgefühl nutzt er jede Situation für sich.

Italien steckt seit sechs Jahren in einer tiefen Krise. Wird Premier Renzi die groß angekündigten Reformen und Erneuerungen umsetzen können?Renzi bemüht sich, ein über Jahrzehnte erstarrtes System wieder in Bewegung zu bringen. Ich hoffe, dass er das schafft, sonst stehen wir vor sehr ernsten Problemen. Er setzt auf Schnelligkeit und Tempo. Damit stößt er bereits auf erste Hürden, wie wir in den letzten Tagen im Zuge der Senatsreform gesehen haben. Es gibt viele Kräfte, die stark bremsen.

Wer sind diese Kräfte?

Das Politsystem ist seit Jahren auf der Kaste und auf Interessen von Lobbys aufgebaut, auch auf Faulheit. Wenn du nun an deren Privilegien rüttelst, fühlen sie sich bedroht. Dazu zählen die Gewerkschaften genauso wie die Industriellen, die Bürokratie ebenso wie die kleinen Gemeinden. In gewisser Weise kann man Renzi und Papst Franziskus vergleichen. Beide wollen Veränderungen ankurbeln und stoßen dabei auf starke interne Widerstände. Franziskus’ größte Feinde sitzen im Vatikan. Im Fall von Renzi kommt der größte Widerstand ebenfalls aus den eigenen Reihen, denen der Politik. Beide genießen hingegen Rückhalt und Sympathie in der Bevölkerung. Auch wenn die Italiener politisch sehr oberflächlich sind; sie verlieben sich schnell in jemanden, entlieben sich aber auch genauso schnell wieder.

Konkret hat der neue Regierungschef aber noch wenig umgesetzt?

Nehmen wir die neue Maßnahme, wonach Einkommensschwache ab Mai monatlich 80 Euro mehr bekommen. Dies wurde als Bagatelle kritisiert. Damit kann eine Familie aber für ein paar Tage Lebensmittel kaufen.

Das Hauptproblem Italiens ist die – besonders unter jungen Leuten und im Süden – sehr hohe Arbeitslosigkeit. Sehen Sie einen Weg da raus?

Die jungen Leute zieht es massenweise ins Ausland. Allein in London sind 10.000 italienische Studenten inskribiert. Mein Enkel studiert in London. Das Phänomen hat schon besorgniserregende Ausmaße. Diese Auswirkungen werden sich bald in Italien zeigen und die Folgen sind noch nicht abzuschätzen. Die Besten und die Unternehmungslustigsten, natürlich auch, die es sich finanziell leisten können, versuchen sich im Ausland etwas aufzubauen. Das Land müsste, um dem gegenzusteuern, endlich die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

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