Wehrmachts-Soldaten überqueren die Grenze zu Polen am 1.September 1939

 

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Politik Ausland
08/30/2019

Wo der erste Schuss des 2. Weltkriegs fiel - 80 Jahre danach

In Gleiwitz fielen nicht nur die ersten Schüsse des Krieges. In der Stadt, im heutigen Polen, kreuzen sich alle Spuren des Schreckens

Schwingkreis, Lautsprecherschalter, Schalterplatte...“, in der Funkzentrale des Senders Gleiwitz sind die Aufschriften auch heute noch im tadellosen Technikerdeutsch gehalten. 80 Jahre danach ist er perfekt konserviert, der Ort, an dem die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs fielen, an dem eine als Zivilisten verkleidete SS-Truppe das erste Kriegsverbrechen des Weltkriegs verübte. Um den fingierten polnischen Überfall auf den Radiosender in der damals deutschen Grenzstadt echt aussehen zu lassen, brauchte man eine Leiche. Also ermordete man einen Einheimischen namens Franz Honiok. Der war polnischstämmig und galt für die Nazi-Schergen daher ohnehin als minderwertig. Eine „Konserve“ nannte man den schüchternen Landmaschinenvertreter, gerade gut genug, um als Toter die polnische Schuld am Kriegsausbruch zu belegen.

Deutsche Aufschriften, deutsche Propagandalügen und ein Mord im Zeichen des Rassenwahns. In diesem Sendesaal lässt sich die Spur des Schreckens aufnehmen, und sie führt geradewegs in die schwierige Gegenwart von Gliwice, einer Industriestadt im heutigen Südpolen, die, wie es der Historiker Gregorz Krawczyk formuliert, „immer noch Probleme mit ihrer Identität hat.“

Alles Deutsche entfernt

Ein kleines, aber besonders heikles Stück dieser Identität verwaltet heute der 50-jährige Marcin Lippa. Er ist Vorsitzender des Verbandes der deutschen Minderheit im Kreis Gliwice. 2000 Mitglieder hat der heute noch. Etwa das Doppelte, schätzt der Funktionär, werde es insgesamt an Deutschen hier geben. So wie Gleiwitz wurde der ganze Osten Deutschlands 1945 Polen zugeschlagen– und dort wollte man die Deutschen nach diesem Krieg nicht mehr haben. 7 Millionen Menschen wurden ausgesiedelt. Eineinhalb Millionen allein aus Oberschlesien, der Region, in der auch Gleiwitz liegt. Über die deutschen Aufschriften im Sendesaal kann einer wie Lippa nur bitter lachen.

Alles, was einst deutsch war, habe man aus dieser Stadt entfernt, nicht nur die Menschen: Jedes Schild, jeder Straßenname, sogar auf den Friedhöfen wurden die deutschen Namen mit dem Meißel aus den Grabsteinen geschlagen.

Das deutsche Theater, von den Nazis noch in den Kriegsjahren zu einer pompösen Stätte für ihre Propagandakultur aufgerüstet, steckten die vorrückenden Russen sofort in Brand. Bis heute steht es unverändert als Ruine mitten in der Stadt.

„Nur nicht auffallen“

Bleiben durfte nur eine Handvoll Deutscher: Fachleute, die man als Techniker in Industrie und Bergbau brauchen konnte, Handwerker, Verwaltungsbeamte. Lippas Großväter waren zwei davon. Was aus ihrer Heimat werden sollte, haben die beiden trotzdem nicht mehr wirklich erlebt. Man hatte sie nach Sibirien deportiert, und als sie von dort schließlich ins jetzt polnische Oberschlesien zurückkehrten, waren sie so todkrank, das sie nur noch ein Jahr lebten. Der heute 90-jährige Friedrich Sykora durfte bleiben, weil seine Mutter Alleinerzieherin von drei Kindern und weitgehend mittellos war.

„Auf der Straße Polnisch, zu Hause Deutsch“, erinnern sich die beiden an das Lebensmotto, das über Jahrzehnte im kommunistischen Polen für die Minderheit galt: „Wir haben ständig aufgepasst, nicht aufzufallen.“ Beschimpfungen, eingeschlagene Fensterscheiben, all das war Teil eines Alltags, der nur noch in traurigen Erinnerungen existiert. Heute wird an vielen Schulen in Schlesien zweisprachig, also Polnisch und Deutsch, unterrichtet. Mit dem deutschen Ex-Nationalspieler Miroslav Klose gibt es sogar einen Star, der aus der Gegend kommt sich offen zu seiner deutsch-polnischen Identität bekennt. Wie die genau aussehe, meint Lippa, das sei wohl für jedes Mitglied der Minderheit verschieden: „Ich habe mich immer als Deutscher gefühlt, andere sehen sich vielleicht als Schlesier, oder als Deutschpolen.“

Oberschlesien“, bei dem deutschen Begriff bedient sich heute eine wachsende Autonomiebewegung in der Region. Die hat mit rechten großdeutschen Hirngespinsten nichts am Hut. Man versucht einfach mehr Autonomie von Warschau zu bekommen, und man geht auf Distanz zum polnischen und strikt antideutschen Nationalismus der dortigen Rechtsregierung.

Doch ob Oberschlesien, oder polnisch „Gorny Slask“, viele der Menschen hier können mit weder noch etwas anfangen. Ihre Eltern und Großeltern kamen erst 1945 hierher. Aus dem Osten Polens, der nun zur Sowjetunion gehörte, wurden sie in die Gebiete geschickt, aus denen man gerade die Deutschen vertrieben hatte. „Die von der Ostgrenze“ nennt man sie noch heute. Und auf die Frage, ob sie sich mit dieser Herkunft heute noch identifizieren würden, muss Ewa – ihre Großeltern kamen von dort – lachen: „Natürlich steckt das bis heute in ihnen drinnen. Sie sind damit sicher mehr verbunden als mit Gliwice.“

„Der letzte Mohikaner“

Auch aus dem Osten kamen die Eltern von Kac Wlodzimierc. Sein Vater, begeistert vom Kommunismus, war als polnischer Jude in die Sowjetunion ausgewandert – bis Diktator Stalin, von antisemitischer Paranoia getrieben, ihn und seinesgleichen nicht mehr haben wollte. So landete die Familie nach 1945 in Schlesien: In einer Region, in der die Nationalsozialisten die gesamte jüdische Bevölkerung systematisch ermordet hatten. Das deutsche Oberschlesien, war ein Zentrum des modernen Reformjudentums gewesen. „Viele der Juden hier, waren deutscher als deutsch“, erzählt der 67-Jährige, der heute Vorsitzender der winzigen jüdischen Gemeinde der Region ist. Gerade einmal 300 Juden gebe es in ganz Schlesien – aber umso mehr jüdische Friedhöfe, Synagogen, allesamt von Vergessen und Verfall bedroht. „Wir sind irgendwie die letzten Mohikaner“, scherzt der betont nicht-orthodoxe Computertechniker, „wir müssen uns eben um das Erbe kümmern, das es hier gibt, das ist unsere Hauptaufgabe.“

Also muss sich Kac um umstürzende Bäume auf Friedhöfen, um löchrige Dächer von Synagogen kümmern – und um all die polnischen Gemeinden, die nicht einsehen, warum sie dafür Geld ausgeben sollen. Bei solchen Debatten kann der eigentlich humorvoll entspannte ältere Herr gelegentlich richtig bösartig werden: „Dann machen ich ihnen klar, dass ihre Dörfer, Rathäuser und Schulen dort stehen, wo früher jüdische Häuser und Schulen waren. Also sollen sie sich auch um die Friedhöfe kümmern.“

Glivice ist für Kac eine besondere Erfolgsgeschichte. Hier hat die Stadt das ehemalige jüdische Gemeindezentrum restauriert. Das „Haus der Erinnerung“ist heute nicht nur ein Museum des schlesischen Judentums, sondern ein Ort für Veranstaltungen vom Konzert bis zur Konferenz – und die meisten gut besucht. Es gebe ein neues Interesse für das Judentum, erzählt man hier stolz. Vom Antisemitismus, der sich in Polen vielerorts bis heute festgesetzt hat, hat Kac hier in Oberschlesien nichts bemerkt. Vielleicht liege das gerade an der widersprüchlichen Geschichte der Region, scherzt er nachdenklich:„Hier gibt es heute so viele verschiedene Menschen, die von weiß Gott woher gekommen sind. Da entwickelt man doch einen Sinn für Minderheiten.“