Wie sich Europäer gegen das Energie-Diktat aus Moskau und Washington wehren
Als Energie-Gipfel zum massiven Ausbau der Offshore-Windparks war das Treffen in Hamburg geplant. Doch die aggressive Rhetorik und die Grönland-Annexionsgelüste von US-Präsident Donald Trump einerseits und die russische Invasion in der Ukraine samt hybrider Kriegsführung gegen Europa andererseits ließen den Nordseegipfel zu Wochenbeginn zu einem hochbrisanten politischen Ereignis werden.
Die Welt erlebe gerade eine „Epochenbruch“, postulierte die deutsche Gastgeberin, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Und ihr aktueller Boss, Kanzler Friedrich Merz, stellte klar: Es gehe beileibe nicht nur darum, Windräder auf hoher See zu bauen.
Der deutsche Regierungschef Merz mit seiner dänischen Amtskollegin Frederiksen
Ziel der neun Nordsee-Anrainerstaaten (siehe Infobox weiter unten) ist es, im Meer ein „grünes Kraftwerk für Europa“ zu erreichten – und so autark zu werden. Oder wie es die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in Hamburg formulierte: „Und jetzt müssen wir sicherstellen, dass wir keine Abhängigkeiten zu anderen Ländern außerhalb von Europa haben. Nicht nur bei der Energie, sondern bei allem.“
Gründung
Der Zusammenschluss der Nordsee-Anrainerstaaten erfolgte unmittelbar nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine Anfang 2022. Ziel war und ist es die Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu reduzieren. Primär wird auf die Gewinnung von Offshore-Windenergie gesetzt und auf Investitionen für eine Wasserstoff-Infrastruktur.
Teilnehmer
Bei den Treffen (bisher fanden drei statt) nehmen in der Regel die Staats- und Regierungschefs sowie Energieminister aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und Großbritannien sowie Island teil. Außerdem kommen Vertreter der Europäischen Kommission und der NATO sowie von Unternehmen.
Es gehe um ein „starkes Europa“ pflichtete Reiche bei. Und um Einigkeit, dementsprechend erklärten alle teilnehmenden Länder Dänemark und Grönland ihre uneingeschränkte Solidarität im Konflikt mit den USA.
Für die größtmögliche Unabhängigkeit insbesondere von Gasimporten aus Russland, den USA oder Katar, die immer wieder als politisches Druckmittel gegenüber Europa herhalten mussten, verfolgen die Nordsee-Staaten ehrgeizige Ziele. Es solle der „größte Energiehub der Welt“ entstehen, wie es heißt. Dazu sollen zehntausende neue Windräder gebaut werden, neue Stromkabel sollen verlegt werden, um auch riesige Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff zu versorgen, teils direkt auf hoher See. Insgesamt will man gemeinsam mit Unternehmen bis 2050 eine Billion Euro in Hand nehmen.
Massive Sicherheitsvorkehrungen schützten die Gipfel-Teilnehmer
300 Gigawatt Leistung werden angepeilt, das entspricht einer Leistung von 300 großen Kernreaktoren. Das Problem dabei: Man hinkt hinter den eigenen Vorgaben klar hinterher. Bisher verfügen sämtliche Windturbinen in der Nordsee zusammen bloß über eine Kapazität von 37 Gigawatt. Das heißt: In den kommenden 24 Jahren müsste das Achtfache hinzukommen. Experten bezweifeln massiv, dass dieses Ziel erreicht werden könne, zumal zuletzt Ausschreibungen für neue Windparks auf deutschem, dänischem oder niederländischem Gebiet geplatzt sind.
Massive Ersparnisse
Sollte der ursprüngliche Pfad hingegen eingehalten werden, rechnet der Branchenverband WindEurope vor, könnte der zusätzliche Nordsee-Strom schon ab 2040 Importe fossiler Brennstoffe im Wert von jährlich 70 Milliarden Euro ersetzen. Das entspreche in etwa einem Fünftel der derzeitigen Einfuhren.
Ins Leben gerufen wurde das Nordsee-Format im Frühjahr 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, um gemeinsam nicht mehr so intensiv am Energie-Gängelband von Kremlchef Wladimir Putin zu hängen. Mit der aggressiven Politik Trumps auch gegenüber den europäischen Verbündeten hat der Zusammenschluss zusätzliche Aktualität erfahren.
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