Politik | Ausland 10.03.2013

"Wer nervt, wird erschossen"

Gottfried Hoinig © Bild: gilbert novy

Als Geisel in Tadschikistan, im UN-Einsatz am Golan und in Ruanda - heimische UN-Soldaten berichten.

Mit großem Interesse und Mitgefühl verfolgt Oberstleutnant Gottfried Hoinig die Geiselnahme der 21 UN-Beobachter am Golan. Er war zwei Mal auf UN-Mission am Golan – und er weiß‚ was es heißt, Geisel zu sein. „Sie sitzen dort und werden mit dem Umbringen bedroht. Und das Schlimmste ist: Sie haben keine Ahnung, was sich abspielt. Ob und wie die Verhandlungen laufen.“, erzählt der 59-Jährige, der österreichische Soldaten für den Ernstfall trainiert. „Man muss wissen, was dann wichtig ist“, betont er im KURIER-Gespräch. Und je länger dieses dauert, um so tiefer fällt der Steirer in seine Vergangenheit. In eine Zeit, als er mit seinem Leben abgeschlossen hatte.

Februar 1997: Hoinig ist 42 Jahre alt, Major, und nach UN-Einsätzen in Zypern und auf dem Golan nun UN-Militärbeobachter in einem der gefährlichsten Gebiete in Tadschikistan. In der zentralasiatischen Republik herrscht Bürgerkrieg zwischen islamistischen Separatisten und Regierungstruppen, die von russischen Soldaten unterstützt werden. Im Zuge einer Patrouille gerät der Steirer mit zwei weiteren Beobachteroffizieren, einem Schweizer UN-Militärarzt und einem Dolmetscher in einen Hinterhalt.

Die Geiselnehmer jagen mit ihnen einen Berg hinauf. Die halsbrecherische Fahrt bei Eis und Schnee auf der Bergstraße endet auf 4000 Metern. Dort, in einer verlassenen russischen Fernsehstation, werden die fünf Männer eingesperrt. „Der Rebellenchef nennt seine Forderungen, das Ultimatum und kündigt trocken an: ,Wenn bis dann nichts passiert, dann wird als erste Geisel der Österreicher erschossen.‘“ Hoinig ist der einzige Österreicher.

Exekution angekündigt

Tatsächlich wird Hoinig nach Verstreichen der Frist aus dem Raum geholt, doch der Schweizer Militärarzt mischt sich ein. Er, zehn Jahre älter und mit Kindern, die im Gegensatz zu Hoinigs Tochter schon erwachsen sind, bietet sich an Stelle des Österreichers an. „Sie stoßen mich zurück ins Zimmer, nehmen ihn – und das bringt Zeit. Wertvolle Zeit. Ein Funkspruch der UNO kommt, dass sie verhandeln, aber noch um mehr Zeit bitten. Die Entführer gehen darauf ein. Das rettet mir das Leben und dem Schweizer.“

Hoinig (Mitte) 1997 bei seiner Übergabe an Schweizer Kameraden.
Übergabe an zwei Schweizer Kameraden des Übernahmeteams aus dem Hauptquartier © Bild: Gottfried Hoinig
Jeden Tag kommen weitere Geiseln dazu, am Schluss sind es 15 Männer und Frauen. „Wir sind alle in einem Raum eingesperrt, ständig von einem der Dutzenden bis an die Zähne bewaffneten Kämpfer bewacht. Wir haben nichts zu essen, nur geschmolzenen Schnee zum Trinken.

An Schlaf ist auch nicht zu denken. Immer wieder kommt wer rein, leuchtet mit dem Scheinwerfer im Raum herum. Setzt einem von uns die Pistole an den Kopf. Wer jetzt die Nerven wegschmeißt, schreit, heult, der ist verloren. Die Geiselnehmer stehen total unter Strom. Wer sie nervt, wird erschossen.“ Die Geiselgruppe bleibt stark, denkt aber immer verzweifelter über Flucht nach.

Befreiungsaktion

Wie ernst es den Rebellen ist, zeigt sich, als sie Wind von einem Befreiungsversuch durch russische Soldaten bekommen. Sie jagen ihre Geiseln ins Freie. „Wir liegen auf dem Bauch im Schnee, über uns schießen sie scharf. Sie machen klar, dass sie zu allem entschlossen sind. Die Russen stoppen die Aktion. Gott sei Dank.“

Nach acht Tagen und acht Nächten kommt Hoinig dank der brillanten Verhandlungstaktik des UN-Kommandanten als einer der ersten frei. Alle überleben. Es ist das letzte Mal. Danach bringt Sadirov alle seine Geiseln um.

Waffe nur eine Provokation

1994, als in Ruanda das Gemetzel losging, fanden sich 15 österreichische Offiziere auf UN-Mission plötzlich in der Hölle wieder. „Unsere ersten Monate in Ruanda waren total ruhig. Wir sind im Frieden im Jänner angekommen. Nach Dienstschluss gingen wir Tennis spielen“, erzählt Oberst i. R. Reinhold Görg. Doch im April war es mit der Beschaulichkeit zu Ende. Die Blauhelm-Soldaten mussten dem Völkermord an den Tutsis fassungs- und tatenlos zusehen.

Oberst i. R. Reinhold Görg (68)
© Bild: kba/reinhold_goerg_3.jpg

Sie selbst waren unbewaffnet: „Das war gut so. Eine Waffe wäre nur eine Provokation gewesen“, betont der heute 68-jährige Kremser. „Und was fange ich als einzelner mit einer Pistole oder einem Gewehr gegen die vielen jungen Männer mit ihren Macheten, Baseballschlägern und anderen martialischen Waffen an?“

Gezielte Angriffe hat Görg, der Bruder des früheren Wiener Vizebürgermeisters Bernhard Görg, nicht erlebt. Eng wurde es trotzdem einige Male. „Zwei Mal schlug ein Geschoß in meine Windschutzscheibe ein – einmal eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt. Die Wucht war nicht mehr groß genug, um die Scheibe zu durchstoßen.“ Sein Auto war von Schüssen durchsiebt. „Angst hatten wir keine. Wir waren ständig unter Adrenalin.“ Erwin Pröll, mit dem er befreundet ist, nannte den dreifachen Vater einen Trottel, weil er nicht sofort heimkommen wollte.

Zwischen den Fronten im Nahen Osten und am Balkan

„Wie wir auf den Golan gekommen sind, hat alles noch gebrannt.“ Die israelische und die syrische Armee waren noch richtiggehend ineinander „verzahnt“. Der damals 33-jährige Werner Zofal gehörte vor fast 40 Jahren zu den Gründungsmitgliedern von UNDOF.

Schlachtfelder

Dabei begann es für Zofal im Jahre 1971 noch vergleichbar harmlos mit einem UN-Einsatz in Zypern. Da werkte der junge Unteroffizier als Zahntechniker im Feldspital.

Zwei Jahre später war er aber schon auf der Sinai-Halbinsel. Der Auftrag: Sofortiges Einfließen zwischen den Linie der Israelis und der Ägypter und Überwachung des Waffenstillstandsabkommens. Die eingeschlossene Dritte ägyptische Armee musste versorgt werden. Das war schon echter Krieg, doch es kam noch heftiger. Denn plötzlich kam der Befehl, das gesamte Bataillon quer durch Israel auf den heiß umkämpften Golan zu verlegen.

Zofal erinnert sich: „Was wir tragen konnten, haben wir ins Auto geschmissen, dann ging es los.“ Es gab zuwenig Kraftfahrer, doch das Problem wurde typisch österreichisch gelöst. Die Lkws wurden von drei verschiedenen Gruppen gelenkt: Jene mit Militärführerschein, jene, die nur Zivilführerschein besaßen – und jene, die „sich zutrauten, ein Fahrzeug zu lenken“.

Sprachkenntnisse

Zofal hatte inzwischen Arabisch gelernt. So kam es, dass der Unteroffizier am Golan einheimischen Kindern bei den Hausaufgaben helfen konnte. Denn die Eltern waren Analphabeten.

Achtmal diente er am Golan. Zwei weitere Einsätze leistete er zwischen 1996 und 2002 in Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Da musste er für das internationale Kriegsverbrechertribunal die Massengräber finden. Als Folge blieb ihm ein Tinnitus. Nun ist er in Pension, und betreibt als „lebende UNO–Legende“ ein Peacekeeper-Museum in der Kaserne Götzendorf.

Erstellt am 10.03.2013