Politik | Ausland
31.01.2013

Warum Britain nicht mehr GREAT ist

Aus Angst vor Zuzug aus Rumänien und Bulgarien startet London eine Negativkampagne.

Hunderte Millionen Pfund flossen 2012 in die weltweite Werbekampagne „GREAT Britain“. Die Insel präsentierte sich im Zuge der Olympischen Spiele in London als eines der besten Länder der Welt zum Besuchen, Leben, Arbeiten, Studieren und Geschäfte machen.

Jetzt überlegen Regierungskreise, wie sie auswanderungswillige Bulgaren und Rumänen abschrecken könnten. Eine Negativ-Imagekampagne ist im Gespräch. Damit könnte „der Eindruck korrigiert werden, dass die Straßen hier mit Gold gepflastert sind“, zitierte der Guardian einen Minister. Wie diese Kampagne genau aussehen soll, sagte er nicht.

Wetter und Medizin

Den Südländern könnte das schlechte Wetter in Erinnerung gerufen werden, hieß es in London. Aber auch Mängel in der Gesundheitsversorgung, hohe Mieten oder schlicht das harte Rennen um die in der Wirtschaftsflaute rar gewordenen Jobs könnten angeprangert werden, mutmaßen britische Medien. Welche Pläne die Regierung und ihre P.R.-Spezialisten konkret hegen, darüber schweigen sich diese aus. Das gilt auch für die Frage, wie viele Zuwanderer auf der Insel erwartet werden, wenn mit 1. Jänner 2014 der Arbeitsmarkt in allen EU-Staaten für Bulgaren und Rumänen geöffnet wird.

Kein Wunder, rechnete die Regierung in London doch im Mai 2004 mit 20.000 Polen, die ins Königreich kommen würden. Es waren Hunderttausende, bis Ende 2009 ließen sich mehr als eine Million Polen als Arbeitsuchende registrieren. Die Wirtschaftskrise ließ mittlerweile aber auch wieder Hunderttausende Polen ihre Koffer packen.

Deutschland lockt

In Deutschland wird jetzt hingegen heftig geworben, und zwar um die arbeitslose Jugend in den EU-Staaten. 7,5 Millionen EU-Bürger unter 25 Jahren sind arbeitslos, in Spanien und Griechenland ist es sogar schon jeder zweite. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will in diesem Pool fähige Lehrlinge fischen.

Denn in Deutschland können derzeit Zehntausende Lehrstellen nicht besetzt werden, weil es an geeigneten Bewerbern fehlt, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Zudem gehe es um einen Beitrag zur Solidarität.

Wer von den EU-Jugendlichen bereit ist, Deutsch zu lernen und auszuwandern, dem bieten sich freie Lehrstellen in mindestens 20 Berufen. BA-Vorstand Raimund Becker erwartet für heuer, dass „ein paar hundert“ junge Europäer so zu einem Ausbildungsplatz kommen werden.

Die Informationen zum Programm „The Job of my life“ finden sich auf http://dpaq.de/xprbV. An der englischen Version wird noch gearbeitet.

Ein bisserl zuschauen und daraus unsere Lehren ziehen

Interview.Der KURIER sprach mit Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservices ( AMS), über die Lehrlingssuche der Deutschen in EU-Staaten.

KURIER: Gibt es auch in Österreich Pläne, Lehrlinge aus anderen EU-Staaten anzuwerben?
Johannes Kopf:
Die Deutschen haben in Bezug auf die Demografie ein viel größeres, drängenderes Problem als wir. In Österreich haben wir noch genügend Nachwuchs. Aber auch hier werden die Jungen weniger, das zeigt sich an der Entspannung am Lehrstellenmarkt. Wir können jetzt, salopp gesagt, ein bisserl zuschauen, wie das in Deutschland funktioniert und daraus unsere Lehren ziehen.

Was halten Sie vom deutschen Projekt „Job of my life“?
Es ist eine beachtenswerte Initiative, die sehr gut durchdacht ist. Das ist wichtig. Sie können nicht einfach planlos in Spanien oder Griechenland um Jugendliche werben. Ein Beispiel: Eine portugiesische Fernsehjournalistin hat einen Beitrag über Schwäbisch-Hall gemacht, wo Arbeitskräfte gesucht wurden. Tausende Portugiesen haben sich gemeldet, 70 sind gleich angereist. Am Schluss gab es dann für sieben einen Job dort. Wir haben im Gegensatz zu den USA einen großen Nachteil in der EU: Wir haben nicht eine gemeinsame Sprache.

Was sagen Sie zur Furcht vor Bulgaren und Rumänen, wenn der Arbeitsmarkt für sie 2014 aufgeht?
Während der Boomjahre öffnete Großbritannien 2004 den Arbeitsmarkt für die neuen EU-Länder. Jetzt geht es der britischen Wirtschaft schlecht, die Mehrheit der Briten ist EU-kritisch, also überlegt London, wie es Zuwanderer abhalten kann. Aber ich finde: Durch die Zuwanderung passiert schon eine Art Selektion. Wer alles aufgibt und was Neues sucht, der ist tatkräftig, energiegeladen, neugierig. In der Tendenz kommen nicht die Nicht-Leister, die ein System ausnutzen wollen, sondern die Leister.