Politik | Ausland
16.08.2017

Merkel & die Generation YouTube: "Da müssen wir dran arbeiten"

Die deutsche Kanzlerin im Interview mit vier YouTube-Stars: Eine holprige Sache – für die Fragesteller.

"Das war mein allererstes Interview!" – "Wie, das erste? In Ihren Leben?"

In diesem Augenblick sieht man Angela Merkel die Irritation kurz an. Schnell für Lacher sorgen, keine Blöße geben, scheint sie zu denken: "Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung?"

Die Generation Merkel

Die deutsche Kanzlerin und Ischtar Isik, das ist eine ungewöhnliche Paarung. Dass die beiden am Mittwoch einander gegenüber sitzen, ist allerdings kein Zufall: Die 21-Jährige ist eines von vier Youtube-Sternchen, die auf Vermittlung von ProSiebenSat.1 am Mittwoch mit Merkel sprechen dürfen; jeder hat zehn Minuten, ohne vorher abgesprochene Fragen, hieß es. Was das bringt? Für die Beauty-Bloggerin und ihre Kollegen AlexiBexi, MrWissen2Go und ItsColeslaw ein bisschen was fürs Image. Für Merkel, der ja seit ihrem unrühmlichen Auftritt, wo sie das Internet etwas unbeholfen "Neuland" nannte, ein nicht gerade jugend-affiner Ruf nacheilt, ein Mehr an Reichweite bei Erstwählern – das bräuchte ihre CDU nämlich durchaus: Sie ist bei jungen Menschen bei weitem nicht so beliebt wie andere Parteien, und das mag wohl auch daran liegen, dass die junge Generation nur eine Person als Kanzlerin miterlebt hat – nicht umsonst spricht man von der "Generation Merkel".

Wie weit diese Welten auseinander liegen, wird aber recht bald klar. "Welchen T-Shirt-Spruch würden Sie wählen?", fragt etwa Alexander Böhm alias AlexiBexi (28), im wahren Youtube-Leben Technik-Blogger mit Hang zu derben Videos, nachdem er bei Merkel in puncto Dieselskandal und E-Autos wenig neue und auch keine spaßigen Antworten bekommen hat. "Ach mein Gott", sagt sie; "ich würde ’ne schöne Meereswelle draufmachen." Man merkt, dass die vier YouTuber, die immerhin in Summe auf die ansehnliche Zahl von drei Millionen Followern kommen, eben sonst meist nur zu ihren Abonnenten sprechen. Für Merkel ist das kein Neuland, das hier betreten wird, sondern altbekanntes Terrain – Neues hört man darum von ihr nicht.

Merkeln und menscheln

Ähnlich ist das auch bei Lisa Sophie, einer 22-jährigen Politik- und Psychologiestudentin, die unter dem Namen ItsColeslaw Ratgeber-Videos für Jugendliche macht. Sie befragt Merkel, passend zu ihrem YouTube-Channel, zum Thema soziale Gerechtigkeit und Bildung; und Merkel glänzt auch hier nicht mit neuen Einblicken in ihre Seele. Welche drei Dinge man denn in der Schule unbedingt lernen sollte, will Lisa wissen: "Rechnen, schreiben, lesen", sagt Merkel da – "und programmieren vielleicht." Hier menschelt es nicht, es merkelt – wie immer.

Ein bisschen schwerer macht ihr es nur Mirko Drotschmann, der als MrWissen2Go auch Politisches auf seinem Channel abhandelt. Wie sie es mit Erdoğan und Trump halte, fragt er, und insistiert sogar, als sie ausweichend im klassischen Merkel-Sprech antwortet. Immerhin entlockt er ihr so eine kleine Kritik: "Sprache ist die Vorstufe zu einer Eskalation, die auch in Gewalt münden kann", sagt sie zu Trump.

So richtig kritische Fragen kommen aber auch von ihm kaum. Das wird wohl wiederum für Kritik an dem Format sorgen: Schon als Merkel im Jahr 2016 das erste Mal auf einen YouTuber traf, war das Gespräch mit Netz-Star LeFloid vielen Beobachtern zu lasch und zu erwartbar (hier das Video). Jetzt hörte man im Vorfeld Ähnliches: Dass alle vier keine Interview-Erfahrung hätten, sei "das gleiche Problem wie bei LeFloid", sagt Blogger Tilo Jung, der für sein Portal "Jung und Naiv" regelmäßig Politiker interviewt, im Deutschlandfunk.

Große Unzufriedenheit

Inwieweit der Kanzlerin diese Interviews im Wahlkampf helfen werden, ist aber eine andere Frage. Immerhin ist sie, die TV-Duelle wegen ihrer Unvorhersehbarkeit meidet und auch sonst selten in Live-Interviews auftritt, so mit einem Publikum in Kontakt, das über klassische TV-Kanäle als unerreichbar gilt. So hat sie Martin Schulz wenigstens voraus, Thema bei den Jungen zu sein – denn wahnsinnig positiv finden die die gesamte Politik nicht: 59 Prozent der Zuseher – am offiziellen Kanal waren etwa 55.000 dabei – gaben in einer Schnell-Umfrage an, sie würden sich von der Politik nicht abgeholt fühlen.

Immerhin: Fehler hat Merkel bei ihrem Auftritt keine gemacht – große Popularitätssprünge sind aber auch keine zu erwarten. Als Beauty-Bloggerin Ischtar Isik die Kanzlerin zum Abschluss fragt, wie sie einen besseren Draht zur Generation YouTube herstellen möchte, sagt sie nur: "Da müssen wir weiter daran arbeiten." Da hat sie wohl recht.

Hier gibt's die Interviews zum Nachschauen