Dem Vereinigten Königreich droht der Zerfall
Die Insel jenseits des Ärmelkanals ist seit 1922 in einem eigentümlichen Zustand: Sie ist gleichzeitig eine als auch vier Nationen. Das Vereinigte Königreich umfasst England, Wales, Schottland und Nordirland. Die bevorstehenden Mai-Wahlen könnten diesen Zusammenschluss wie kaum eine andere Abstimmung auf die Probe stellen. „Es bestehe die reale Möglichkeit“, sagte die walisische Labour-Ministerpräsidentin Eluned Morgan unlängst gar gegenüber Sky News, dass sie zum Zerfall des Vereinigten Königreichs führen könnten.
Gehen die Wahlprognosen auf, könnte England nach dem 7. Mai gänzlich von nationalistisch geführten Ländern umgeben sein. Die Prognoseplattform Electoral Calculus sieht die Scottish National Party in Schottland mit rund 30 Prozent als erstplatzierte Partei. In Wales führt Plaid Cymru in Umfragen mit 28,4 Prozent ganz knapp vor Nigel Farages populistischer Reform-UK-Partei. Und in Nordirland regiert seit Februar 2024 in einer Machtteilung die pro-britische Democratic Unionist Party gemeinsam mit der pro-irischen Sinn Féin.
Sinn-Féins Irland-Präsidentin Mary Lou McDonald und Nordirlands Ministerpräsidentin Michelle O'Neill.
Eine solche Konstellation könnte nicht nur die Arbeit von Keir Starmer (oder die eines möglichen Nachfolgers, sollte er nach den erwarteten Labour-Niederschlägen unter Druck geraten) erheblich erschweren.
Gebündelte Kräfte
Laut Guardian bündeln alle drei Länder bereits ihre Kräfte für mehr Unabhängigkeit. Die SNP habe den Kollegen von Plaid Cymru mit einem strategischen Handbuch aus Taktiken und Erfahrungen der letzten 19 Jahre ausgestattet. Die SNP ist seit 2007 durchgehend an der Macht - wenn auch, wie derzeit, in einer Minderheitenregierung. Ihre Unterstützung soll den Walisern helfen, die dortige 103-jährige Labour-Dominanz zu beenden. Plaid-Cymru-Vorsitzender Rhun ap Iorwerth bereite sich darauf vor, von Starmer Kompetenzen für Wales einzufordern, die Schottland seit langem besitzt: dezentrale Zuständigkeiten für Polizei und Justiz, die Kontrolle über den Meeresboden sowie höhere Finanzmittel.
Plaid-Cymru-Parteichef Rhun ap Iorwerth will sich "nie wieder dem Willen Westminsters beugen".
Gleichzeitig sucht SNP-Ministerpräsident John Swinney die Nähe zu Sinn Féin an. Bei der Beisetzung von Papst Franziskus im Vatikan trat Swinney gemeinsam mit Sinn-Féin-Ministerpräsidentin Michelle O’Neill auf; nun schloss sich Sinn Féin Swinneys Forderungen nach einem Krisengipfel zur Energiepolitik vor dem Hintergrund des Iran-Konflikts an.
Streben nach Unabhängigkeit
Damit nicht genug. Sollte die SNP die Wahl mit einer Mehrheit gewinnen, will Swinney ein neues schottisches Referendum bis 2028 durchboxen. Michelle O’Neill wirbt seit ihrer Amtseinsetzung im Februar 2024 verstärkt für ein vereintes Irland und will eine Umfrage bis 2030 durchsetzen. Plaid Cymru hat formal Unabhängigkeitsbestrebungen bis dato dementiert, doch sowohl Reform als auch Labour werfen laut Telegraph vor, „geheime Vorbereitungen“ zu treffen.
Parteichef Rhun ap Iorwerth machte bei der Vorstellung seines Wahlmanifestos diese Woche jedenfalls deutlich, seine Partei würde sich „nie wieder dem Willen Westminsters beugen”. Dass das Manifesto ausgerechnet in Wrexham vorgestellt wurde, dürfte kein Zufall sein. Diese Region ist nicht nur eine Labour-Hochburg, ihr Fußballverein A.F.C Wrexham hat seit der Übernahme durch Hollywood-Star Ryan Reynolds Weltruhm erlangt. Ganz ohne englische Hilfe.
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