Mit 66 ist noch lange nicht Schluss: Warum viele Briten weiterarbeiten müssen

Ab April wird das staatliche Pensionsalter auf 67 Jahre angehoben, bis 2044 auf 68. Doch viele können sich den Ruhestand trotzdem nicht leisten.
Protest in London against raising of the pension age

264 Euro pro Woche. So hoch ist die staatliche Pension in Großbritannien. Während die meisten Briten zusätzlich über ihre Arbeitgeber vorsorgen, ist doch etwa jeder siebte Pensionist ausschließlich auf diese Zahlungen angewiesen.

Doch nun - ausgerechnet während der arbeiter-freundlichen Labour-Regierung (die damit einen konservativen Kurs fortführen) - rückt der Pensionsantritt weiter nach hinten. Zwischen April 2026 und März 2028 wird das staatliche Pensionsantrittsalter in Großbritannien von 66 auf 67 Jahre angehoben. (In einem weiteren Schritt 2044 dann auf 68 Jahre.) 

Damit liegt es zwar noch unter Ländern wie Dänemark (hier soll das Pensionsalter bis 2040 auf 70 Jahre steigen), aber doch deutlich über dem österreichischen Durchschnitt: Vergangenes Jahr sind Frauen im Schnitt mit 60,7, Männer mit 62, 4Jahren aus dem Erwerbswesen ausgeschieden.

Close up of Big Ben

Immer später Zeit, in Pension zu gehen.

Angesichts der geringen staatlichen Zahlungen ist diese Entwicklung für viele Briten dramatisch: immer mehr können das staatliche Pensionsalter gar nicht mehr einhalten. Die 62-jährige Wendy hatte eigentlich geplant, mit 66 Jahren in Pension zu gehen. „Aber das muss ich verschieben. Ich brauche das Geld“, sagt sie im iPaper

Sian aus Wales ist bereits 66 und arbeitet weiterhin 40 Stunden in der Woche als Pflegekraft. „Ich wünschte, ich könnte in Pension gehen“, sagt sie zum Mirror. „Aber es geht sich einfach nicht aus.“

Ein Fünftel bleibt länger

Laut einer Umfrage von Standard Life denkt mittlerweile ein Fünftel der Briten darüber nach, die Pension aufzuschieben. 83 Prozent finden die Welt weniger vorhersehbar, 59 Prozent fühlen sich aufgrund anhaltender Veränderungen in Großbritannien finanziell weniger sicher. 

Um einen größeren Polster anzusparen, bleiben arbeiten deshalb immer mehr auch nach dem staatlichen Pensionsalter. 

People visit warm Bank in Derbyshire

2 Millionen britische Pensionisten leben unter der Armutsgrenze.

Seit grundlegenden Reformen – maßgeblich unter der früheren Premierministerin Margaret Thatcher – liegt die Altersvorsorge in Großbritannien stärker in der eigenen Verantwortung: Banken und Versicherungen bieten rigoros Privatpensionen an, viele Brite kaufen sich Häuser um im Alter weder Miet- noch Kreditkosten zu haben und die britischen Medien appellieren regelmäßig daran, frühzeitig für die Pension zu sparen. 

Sparen als Mammutaufgabe

Doch Großbritannien ist kein Land großzügiger Sozialzahlungen. Das Gehalt kommt üblicherweise nur 12-mal im Jahr, bis vor kurzem waren Firmen nicht dazu verpflichtet, Krankengeld zu zahlen und auch Arbeitslosenzahlungen oder Familienbeihilfe fallen deutlich geringer aus. Sparen wird damit zur Mammutaufgabe.

Der 46-jährige Jamie Bannermann arbeitet 60 Stunden pro Woche. Und doch lähmt ihn die Angst vor der Pension, sagt er zur Sun. „Ich habe große Sorge, dass ich zu lange gewartet habe.“ So wie 3,4 Millionen Selbstständige in Großbritannien hat er bis dato keine private Altersversorge und verlässt sich einzig auf die staatliche Pension – die rund 264 Euro in der Woche. „Wenn sich nichts ändert“, ergänzt er, „werde ich bis zu meinem 80. Lebensjahr arbeiten müssen.“

Vergessene Frauen

Einige Britinnen wollen unterdessen nicht kampflos aufgeben. Angela Madden war hauptberuflich Pflegerin ihrer Mutter, als sie 2012 einen Brief der Regierung erhielt. In diesem wurde sie  informiert, dass sie ihre Pension nicht – wie sie angenommenen hatte –  in zwei, sondern erst in sieben  Jahren beziehen könnte. 

Women Against State Pension Inequality campaigners launch legal action against UK government

Der Verein Waspi macht sich für Pensionsentschädigungen für Frauen stark.

Madden ist laut dem Verein Waspi (Women Against State Pension Inequality) eine von 3,6 Millionen Britinnen, die nicht ordnungsgemäß darüber informiert worden sei, dass ihr Pensionsantrittsalter an das der Männer angeglichen wurde. Ein fatales Versäumnis, so der Verein,  das Frauen weiter in die Armut getrieben hatte.

Bereits vor zwei Jahren  schlug der parlamentarischer Ombudsmann eine Entschädigung um bis zu 3.390 Euro vor. Doch im Februar kam das britische Parlament  zu dem Schluss: Eine Entschädigung für Waspi-Frauen werde es nicht geben

Ein Schlag ins Gesicht, sagen die Aktivistinnen.  Doch aufgeben würden sie deshalb nicht, meint die 71-jährige Elizabeth Stanley zur BBC: „Es gibt schließlich nichts Hartnäckigeres als eine alte Dame.“ 
 

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