Warum Keir Starmer plötzlich Angst vor den Grünen hat

Bei Nachwahlen im Großraum Manchester konnte die Grüne Hannah Spencer eine Labour-Hochburg erobern. Für Keir Starmer ein weiteres Tief nach einer Reihe von Rückschlägen.
Hannah Spencer, Green Party's candidate for the Gorton and Denton by-election in Manchester, joins supporters for a campaign, in Manchester

„Liebe Kunden, es tut mir leid“, begann Installateurin Hannah Spencer am Freitag um 4.30 Uhr ihre Rede unter dem Blitzlichtgewitter der Pressefotografen. „Aber ich fürchte, ich muss die Arbeit für Sie leider absagen. Denn ich bin“, und nun wurde ihr Lächeln noch ein wenig breiter, „auf dem Weg ins Parlament.“ 

Die 34-jährige Britin hat in der Nacht auf Freitag Geschichte geschrieben. Sie wurde bei der Nachwahl im Wahlkreis Gorton and Denton im Großraum Manchester mit 14.980 Stimmen zur ersten grünen Abgeordneten in Nordengland gewählt. 

Britain's Green Party holds a press conference after winning Gorton and Denton by-election

Hannah Spencer ist neue Abgeordnete des Wahlkreises Gorton & Denton

Das Ergebnis ist nicht nur historisch, weil bislang noch nie eine grüne Kandidatin (oder, im Übrigen, ein grüner Kandidat) eine Nachwahl für sich entscheiden konnte. Auch wenn vor allem die Verlierer darauf pochen dürften, dass lokale Nachwahlen nicht mit landesweiten Parlamentswahlen vergleichbar seien, deutet dieser Wahlausgang eine monumentale Veränderung an: das Ende des Zwei-Parteien-Systems.

Historische Schwierigkeiten

Die Grünen galten in Großbritannien lange als Splitterpartei. Das liegt unter anderem am britischen Wahlsystem. Anders als beim österreichischen Verhältniswahlrecht, bei dem Parlamentssitze proportional zu den Wählerstimmen vergeben werden, gilt in Großbritannien das „First Past the Post“-System. Das Land ist in 650 Wahlkreise geteilt; die stimmenstärkste Person in jedem Wahlkreis zieht ins Parlament. Eine Partei, die selbst in 300 Wahlkreisen jeweils den zweiten Platz belegt, wäre mit keinem Sitz im Parlament vertreten.

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Das britische Wahlsystem begünstigt Großparteien.

Das begünstigt taktisches Wählen. Wer seiner Lieblingspartei keine großen Chancen einräumt, entscheidet sich eher für einen der beiden Großen – Labour und Konservative. Und weil die dadurch mehr Stimmen bekommen, bleibt das alte System erhalten. 

Doch zuletzt gab es einen Umbruch. Die Lebenskostenkrise und zu viele Skandale haben das Vertrauen in die Großparteien erschüttert. Bis dato äußerte sich das in einer Verschiebung nach rechts. Nigel Farages neue Reform-UK-Partei kam auf Anhieb mit acht Abgeordneten ins Parlament. Das sind doppelt so viele wie die Grünen bis Donnerstagnacht hatten. 

Neue Spitze, neue Werte

Doch dann kam Zack Polanski. Der frühere Schauspieler, Hypnotherapeut und Psychotherapeut wurde im September 2025 zum neuen Chef der Grünen. Mit unerschrockenen Ansagen und klarer Positionierung als Öko-Populist gelang es ihm die Partei in Meinungsumfragen von 9 auf 14 Prozent zu steigern. Bei den Unter-30-Jährigen sind die Grünen mittlerweile in Führung – auch dank vieler junger Mitglieder wie Hannah Spencer. Eine neue Generation junger Politiker, die sich klar zu ihren Werten und ihrer Herkunft bekennen und jene Punkte aufgreifen, die Wähler von Labour vermissen ließen: ein Fokus auf Themen links der Mitte und eine scharfe Kritik am reichen Establishment

Britain's Green Party holds a press conference after winning Gorton and Denton by-election

Abgeordnete Hannah Spencer mit Grünen-Chef Zack Polanski

Hannah Spencers Dankesworte hätten auch von einer Labour-Abgeordneten stammen können. Weniger als auf das einstige Kernthema Umwelt, fokussierte sie sich auf die neue Kernwählerschaft der Arbeiterklasse: „Ich bin nicht mit dem Wunsch aufgewachsen, Politikerin zu werden“, sagte sie Freitagfrüh. Die Installateurin habe während des Wahlkampfs eine Ausbildung zur Stuckateurin absolviert. „Ich werde Platz schaffen für alle, die einen Beruf wie meinen ausüben. Wir werden endlich einen Platz am Tisch bekommen. Wir können bessere Bedingungen fordern, ohne uns gegenseitig zu hassen.“

Starmer weiter in der Krise

Für Labour-Premier Keir Starmer war Spencers Erdrutschsieg ein weiterer Tiefschlag in einer langen Reihe an politischen Rückschlägen. Nicht nur weil der nordenglische Wahlkreis Gorton & Denton in den vergangenen 90 Jahren von den Sozialdemokraten geführt wurde, sondern auch weil Starmer einem Labour-Kandidaten den Antritt bei dieser Wahl untersagt hatte. 

Offiziell hieß es, Andy Burnham sei mit seinem Amt als Bürgermeister von Manchester ausgelastet. Doch vielmehr dürfte Starmer versucht haben, einen Kontrahenten auf Distanz zu halten. Burnham ist populär und am Amt des Premierministers interessiert. Doch um Starmer herauszufordern, muss er als Abgeordneter im Unterhaus sitzen. 

Diese Möglichkeit ist derzeit vom Tisch. Doch nun sitzt anstelle der Labourkandidatin Angeliki Stogia Hannah Spencer im Unterhaus. Auch wenn ihm Andy Burnham derzeit keine unmittelbare Konkurrenz bietet: die politische Gefahr ist für Starmer alles andere als gebannt

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