Nach 164 Jahren: Britisches Oberhaus macht Abtreibung straffrei

Dutzende Britinnen wurden in den jüngsten Jahren wegen zu spätem Schwangerschaftsabbruch verhaftet. Die Gesetzesnovelle, dies abzuschaffen, sorgte für Wirbel im Parlament.
March for Abortion Law Reform in London

Die britische Pflegehelferin Becca war 19, als sie erkannte, dass sie schwanger war. Der Zeitpunkt, die Umstände passten nicht, also suchte sie eine Klinik auf und ließ sich Medikamente zum Schwangerschaftsabbruch verschreiben. Als die erwartete Blutung ausblieb, berichtete der Guardian, hastete sie in die Notaufnahme. Die überraschende Diagnose: Becca war im sechsten Monat schwanger.  

Eine Woche später – Becca war mit ihrem Sohn Harry wieder zu Hause – klopfte die Polizei an ihre Tür. Die Britin wurde wegen versuchter Kindestötung festgenommen. 

164-Jahre altes Gesetz

Eigentlich hatte das britische Unterhaus vergangenes Jahr dafür gestimmt, das viktorianische Gesetz zu novellieren und Abtreibung in England und Wales zu entkriminalisieren. Der entsprechende Antrag von Labour-Abgeordneten Tonia Antoniazzi  wurde im Juni mit einer Mehrheit von 2.142 Stimmen angenommen. Doch seitdem werden Frauen weiterhin festgenommen.

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Tausende Protestierende gingen schon 2023 für das Thema auf die Straße.

In den jüngsten Monaten, berichtete der Guardian, wurde eine Britin etwa nach einer Fehlgeburt in der 24. Woche verhaftet. Auch ihr Handy mit der App zur Steuerung der Insulinpumpe wurde beschlagnahmt. Das war gefährlich, war gerade nach der Entbindung ihr Diabeteswert besonders instabil. 

Eine andere Britin wurde am Heiligen Abend festgenommen, musste ihre Familie über Weihnachten verlassen.

Widerstand im Oberhaus

Als die Novelle diese Woche nun ins Oberhaus kam, konnte sich die neue Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally Kritik nicht verkneifen: "Es besteht die Gefahr, dass Schutzmaßnahmen ausgehöhlt werden und damit, wenn auch unbeabsichtigt, der Wert des menschlichen Lebens untergraben wird."

Auch für die konservative Baroness Sheila Lawlor könnte die Klausel dazu führen, dass "kleine Leben auf grausamste und schmerzhafteste Weise beendet werden". 

Kurzfristig wurden neue Anträge im Oberhaus eingebracht, die Antoniazzis Vorschlag kippen und neue Barrieren (darunter verpflichtende persönliche Vorgespräche) errichten sollten.

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Die neue Erzbischöfin ist gegen die Novelle.

Doch die Gegenseite war vorbereitet. Die Novelle, argumentierte Baroness Neate, würde den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen für schutzbedürftige Personen erleichtern: "Es kommt häufig vor, dass häusliche Gewalt mit einer Schwangerschaft beginnt."

Auch die Pro-Choice Aktivistin Louise McCudden hatte zuvor klargelegt: "Aus unserer Arbeit im Bereich der reproduktiven Gesundheitsversorgung auf sechs Kontinenten wissen wir, dass eine Kriminalisierung Frauen schadet und Abtreibungen unsicherer macht."

Frauen begnadigt

Schlussendlich unterstützten die Lords und Baronessen des Oberhauses Antoniazzis ursprünglichen Vorschlag, sondern weiteten den Geltungsbereich weiter aus: Bereits verurteilte Frauen sollten begnadigt und die polizeilichen Einträge der Festgenommenen gelöscht werden.

Ein Hoffnungsschimmer für Becca. Die Pflegehelferin möchte sich zur Hebamme ausbilden lassen. Ohne Eintrag im Strafregister, wird das nun leichter möglich.

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