Das schwere Kreuz der ersten englischen Erzbischöfin

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Dame Sarah Mullally wurde am Mittwoch offiziell das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Sie folgt Justin Welby, der wegen seines Umgangs mit Missbrauchsvorfällen zurückgetreten war.

In der Londoner St. Paul's Cathedral wurde diese Woche Geschichte geschrieben. Das erste Mal im 500-jährigen Bestehen der anglikanischen Kirche und in den 1.400 Jahren seit der Schaffung dieses Amtes wurde mit der 63-jährigen Dame Sarah Mullally eine Frau zur Erzbischöfin von Canterbury und damit zum offiziellen geistlichen Oberhaupt der Church of England ernannt. 

Doch die Weihe lief nicht ganz reibungslos ab. Just als die Zeremonienaufseherin die Stelle verlas, dass „jene, die Einspruch einlegen möchten“ dies zu einem früheren Zeitpunkt hätten tun müssen, schallte die Stimme des 78-jährigen Pfarrer Paul Williamson durch das Kirchenhaus: „Ich bin dagegen!“ Dame Sarah, ergänzte er, hätte ihre Sorgfaltspflicht missachtet. 

Dann wurde er vom Sicherheitspersonal aus der Kathedrale geleitet. 

Confirmation of election ceremony of the Archbishop of Canterbury at St Paul’s Cathedral

Ein Bild des Einklangs auf den Stiegen der St Paul's Cathedral.

In demonstrativem Einklang hießen die Bischöfe Sarah Mullally daraufhin als 106. Erzbischof von Canterbury willkommen. Als sie nach ihrem ersten Segen auf den Stufen von St Paul's in die Kameras winkte, hallten die Glocken so laut über den Paternoster Square, dass man für einige Minuten sein Wort nicht verstehen konnte. 

Erste Vorwürfe gegen neue Erzbischöfin

Und doch war es bezeichnend, dass bereits dieser Amtsantritt mit Konfrontation gespickt war. 

Die vermeintlich missachtete Sorgfaltspflicht, die Paul Williamson ansprach, bezog sich auf Missbrauchsvorfälle in der anglikanischen Kirche. Konkret geht es um die Vorwürfe einer Person, die in britischen Medien als „Opfer N“ betitelt wird. N habe sich 2019 mit der Beschwerde gegen einen Londoner Priester an Mullally gewandt, die zu dem Zeitpunkt Bischöfin von London war. Mullally habe die Beschwerde nicht ordnungsgemäß behandelt.

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Sarah Mullally sieht sich mit Vorwürfen der Sorgfaltspflicht konfrontiert.

Die anglikanische Kirche konnte kein Fehlverhalten feststellen, doch Sarah Mullally sollte sich nicht zu sicher fühlen. Zu stark ist das Vertrauen der Kirchengemeinschaft in diesem Punkt erschüttert. Ihrem Vorgänger, Justin Welby, hatte der lapidare Umgang mit dem Thema das Amt gekostet

Misogynie in der anglikanischen Kirche

Doch der Zwischenruf macht noch einen zweiten Konfrontationspunkt sichtbar.

Pfarrer Williamson ist in England kein Unbekannter. 1994 kämpfte er erfolglos gegen die Ernennung von Frauen zu Priesterinnen. 2005 versuchte er, die Hochzeit des damaligen Prinzen Charles mit Camilla Parker Bowles zu vereiteln. Und 2015 unterbrach er die Weihe von Libby Lane, der ersten Bischöfin der Church of England, als er rief, dass dies „nicht in der Bibel“ stehe. 

Seine Anmaßung, eine historische Weihe zu unterbrechen, wohl auch durch Misogynie genährt – und damit ist er in der Church of England nicht alleine.

Confirmation ceremony of Sarah Mullally as the 106th Archbishop of Canterbury, in London

Auch 2026 befürworten nicht alle in der anglikanischen Kirche ein weibliches Kirchenoberhaupt.

Bei einem kürzlich abgehaltenen Erntedankgottesdienst in der nigerianischen Stadt Lagos sagte etwa ein Priester zu BBC: „Ich finde es schwer zu glauben, dass eine Frau eine Kirche leiten kann.“ Ein anderer erklärte: „Man hat das Gefühl, dass die Kirche untergeht … dass sie eher den Weg der Welt als den Weg Gottes geht.“ 

Gleichzeitig gibt es laut Guardian im eigenen Land sieben amtierende Bischöfe, die Mullally zwar als ihre neue Erzbischöfin willkommen heißen, aber keine Kommunion von ihr empfangen würden und einen Bischof, der nicht glaubt, dass Frauen in der Kirche Autorität über Männer haben sollten.

Doch wenn sich Sarah Mullally von derartigen Einstellungen einschüchtern ließe, wäre sie 1999 nicht Englands jüngste Pflegekraft-Chefin und 2018 Londons erste Bischöfin geworden. 

Vielmehr scheint sie den Widerstand als Handelsanweisung zu nehmen: „Ich bin mir bewusst, dass es in meiner Position wichtig ist, über Frauenfeindlichkeit zu sprechen“, sagte sie nach der Weihe zur BBC und ergänzte: „Ich werde mich dafür einsetzen, ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Menschen sich entfalten können und das für alle sicherer ist.“

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