Politik | Ausland
20.08.2018

Venezuelas Kampf gegen die Nullen

Wieder einmal soll die Situation laut Maduro besser werden. Ein Huhn kostet 14,6 Millionen Bolivar.

Aus dem „starken Bolivar“ wird ein „souveräner Bolivar“. So zumindest hat es Venezuelas sozialistischer Staatspräsident Nicolás Maduro versprochen. Quasi über Nacht werden wegen der astronomischen Inflation fünf Nullen auf den Geldscheinen verschwinden. Ob genügend neue Geldscheine gedruckt wurden, wird sich zeigen. Auch Papier ist in dem südamerikanischen Land Mangelware. Zeitgleich hob Maduro den Mindestlohn um das Sechzigfache an.

Stück Butter für Lohn

Bislang kostete eine Flasche Mineralwasser beispielsweise zwei Millionen Bolivar, allerdings bekamen die Venezolaner bei den Banken nur maximal 500.000 Bolivar auf einmal ausgezahlt. Und der Mindestlohn reichte gerade einmal für ein Stück Butter. Es ist nicht das erste Mal, dass die Venezolaner eine solche Währungsreform erleben. Schon der inzwischen verstorbene Revolutionsführer Hugo Chávez griff zu diesem Trick, die Symptome zu bekämpfen, nicht aber die Ursachen. „Venezuela stehen die besten Jahre bevor“, versprach Nicolás Maduro im Präsidentschaftskampf vor einigen Monaten, zu dem seine schärfsten Rivalen allerdings nicht zugelassen waren. Er versucht sich an Wirtschaftsreformen.

Venezuelas Wirtschaft – oder besser gesagt – das was von ihr übrig geblieben ist, befindet sich seit Jahren im freien Fall. In den ersten Jahren des Chavismus, wie die Ära seit Beginn der Machtübernahme des Chávez-Lagers genannt wird, profitierte das Regime vom hohen Ölpreis. Venezuela lebte über seine Verhältnisse, schlimmer noch: Es erklärte der Unternehmerlandschaft im eigenen Land den Krieg. Branche für Branche, Unternehmen für Unternehmen wurde verstaatlicht, kompetente Führungskräfte durch loyale aber ahnungslose Parteibuchträger ersetzt. Am schlimmsten erwischte es die Ölindustrie. Der staatliche Erdölkonzern PDSVA entließ kritische Mitarbeiter und stürzte ab. Die Raffinerien sind inzwischen in einem katastrophalen Zustand.

Erdöl verschenkt

Trotzdem verschenkte Venezuela den Sprit an seine Bevölkerung, was nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch katastrophale Auswirkungen hat. Künftig sollen die Venezolaner nun für den Sprit bezahlen. Der Streit um die Benzinpreise spülte 1999 Chávez an die Macht. Für Dienstag hat die Opposition nun ihrerseits zu einem Generalstreik aufgerufen. Hinzu kamen Entscheidungen wie die Einführung von „gerechten Preisen“, mit denen die Regierung die Inflation stoppen wollte. Die Preise für die noch in Venezuela hergestellten Produkte wurden so vom Staat festgelegt. „Preisspitzel“ kontrollierten in den Supermärkten die Einhaltung der vorgegebenen Preise, bei Zuwiderhandlungen drohte den Händlern die Verhaftung.

Weil durch die Inflation die Kosten für die Produktion schneller stiegen als die „gerechten Preise“ festgelegt werden konnten, standen die Händler vor dem Ruin. Das Ergebnis ist eine fast vollständig zusammengebrochene Produktion. Lange konnte das Land diesen Makel durch die überschüssigen Öleinnahmen ausgleichen, aber seit der Ölpreis sank, fehlt das Geld für teure Importe von Lebensmitteln und Medikamenten. Dafür blüht der Schwarzmarkt: Für vier Millionen Bolivar kann dort ein Dollar ergattert werden.

Große Fluchtbewegung

Laut den Vereinten Nationen haben mehr als 2,3 Millionen Menschen innerhalb der vergangenen zwei Jahre das Land verlassen. Die Mehrheit der Venezolaner glaubt nicht mehr an die Versprechungen des Regimes, das sich nur noch mit Hilfe von brutaler Unterdrückung der Opposition an der Macht halten kann.

Allein nach Ecuador reisten heuer rund 570.000 Venezolaner ein. Das Land rief bereits in einigen Provinzen den humanitären Notstand aus und verlangt nun von den Venezolanern einen Reisepass, aber deren Produktion ist eingebrochen. Solche Dokumente sind nur um teures Geld am Schwarzmarkt zu bekommen.

Probleme im Ausland

Kolumbien – wie Brasilien direkter Nachbar Venezuelas – trägt die Hauptlast der Fluchtbewegung, rund eine Million Venezolaner flüchtete seit Ausbruch der Krise über die Grenze.

Nach Brasilien flüchteten in den vergangenen zwei Jahren rund 130.000 Venezolaner. Im Norden kam es am Wochenende zu schweren Ausschreitungen. Auslöser war laut lokalen Medienberichten ein Überfall von vier jungen Venezolanern, die einen Händler schwer verletzten und ausraubten. Daraufhin machte ein brasilianischer Mob Jagd auf die Flüchtlinge in der Grenzstadt Pacaraima.

Rund 1200 Venezolaner flohen deshalb zurück in ihre Heimat. Brasiliens Regierung kündigte für Montag die Entsendung von 120 Spezialkräften der Nationalen Eingreiftruppe in die Region an.