Politik | Ausland
19.05.2018

Venezuela: Urnengang mitten in der Krise

Nicolas Maduro lässt sich im Amt bestätigen. Gegnern bleibt nur der Boykott der Präsidentschaftswahl.

Und wieder schließt eine Fabrik ihre Pforten: Kellogg’s Venezuela, eine Tochterfirma des amerikanischen Cornflakes-Herstellers, verlässt das Land. „Der Verfall der wirtschaftlichen und sozialen Situation im Land hat das Unternehmen gezwungen, seine Produktion zu stoppen und es zu verlassen“, heißt es in einer Erklärung zum Ende der mehr als 50-jährigen Firmenpräsenz der Amerikaner in Maracay, einem Vorort der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

Die Flucht von Kellogg’s in dieser Woche ist nur ein weiterer Beleg eines gigantischen Exodus’ vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag, bei der sich Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolas Maduro im Amt bestätigen lassen will. Allein ins Nachbarland Kolumbien sind in den vergangenen zwei Jahren rund eine Million tief enttäuschte Venezolaner ausgewandert. Peru und Ecuador melden je eine Viertelmillion venezolanische Flüchtlinge. Dimensionen, die an die Flüchtlingskrise in Europa erinnern.

„US-Komplott“

Maduro bestreitet, dass es einen Exodus gibt. Für ihn ist das alles ein aus Washington gesteuertes Komplott gegen die sozialistische Revolution. Und er kündigt an: „Die besten Jahre der Revolution stehen uns noch bevor.“

Die meisten Firmen geben auf, weil wegen der Hyperinflation von fast 1300 Prozent die Produktion einfach nicht mehr kostendeckend ist. Es fehlt an allem: an Fachkräften, an Rohstoffen, an verlässlichen Rahmenbedingungen. Und so trifft ein Großteil des venezolanischen Volkes seine eigene Entscheidung und kehrt dem sozialistischen Modell den Rücken.

Laut Umfragen kann Maduro der verbliebene Gegenkandidat Henri Falcon am Sonntag nicht gefährlich werden. Dem Ex-Gouverneur haftet der Makel an, als ehemaliger Chavez-Mitstreiter eine Marionette der Regierung zu sein, deren Aufgabe es ist, den Wahlen einen demokratischen Anstrich zu verpassen.

Die Opposition ruft zum Wahlboykott auf. Ihre populärsten Vertreter sind ausgeschaltet: Leopoldo Lopez sitzt nach Jahren in Haft inzwischen in Hausarrest, Antonio Ledezma gelang eine spektakuläre Flucht ins Ausland, und der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles ist mit einem Berufsverbot belegt.

Letzte Chance: Boykott

Der verbliebene Rest versucht mit Demonstrationen die Menschen zu sensibilisieren. „Geht nicht zur Wahl“, rufen sie. „Betrug“ steht auf den mitgebrachten Plakaten zu lesen.

Alle Umfragen sagen einen Sieg Maduros voraus, spannender ist die Frage nach der Wahlbeteiligung. Ein Boykott der Wahlen ist das letzte Mittel, das den im Land verbliebenen regierungskritischen Venezolanern bleibt, um ihren Protest auszudrücken.

Eine ganze Reihe lateinamerikanischer Länder will die Wahlen nicht anerkennen. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos erklärte in dieser Woche, Maduro versuche in Venezuela lebende Kolumbianer „einzukaufen“. Er statte sie mit venezolanischen Ausweisen aus und zahle ihnen Geld für die richtige Stimmabgabe.

Das erklärt ebenso wie das Fehlen einer Alternative einen Sieg Maduros am Sonntag: Ohne wirklichen Gegenkandidaten und Millionen Wähler der Opposition, die das Land verlassen haben, könnte schon ein harter Kern von Maduro-Anhängern reichen, um den Sieg einzufahren. Was danach kommt, weiß sowieso niemand.