Warum der US-Angriff auf Venezuela den Ölpreis wenig kümmerte
Bohrstation des venezolanischen Staatsunternehmens PDVSA.
Der ungarische Ministerpräsident hat als einer der wenigen europäischen Regierungschefs der US-Intervention in Venezuela doch etwas abzugewinnen: "Zusammen mit Venezuela können die USA 40 bis 50 Prozent der weltweiten Ölreserven kontrollieren, eine Macht, die in der Lage ist, den Energiepreis auf dem Weltmarkt erheblich zu beeinflussen."
Viktor Orbán hofft auf (noch) billigeres Rohöl für den Weltmarkt – und auch wenn seine Berechnungen übertrieben sind, der Trend gibt ihm aktuell Recht: Mittwochmittag lag er bei 60,49 US-Dollar für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent. Seit der Entführung von Nicolás Maduro schwankte der Ölpreis zwischen 60 und 61 US-Dollar pro Barrel – was dem prognostizierten Minimum-Preis für einen Barrel Rohöl für das heurige Jahr entspricht. Warum ist der Ölpreis gerade derart niedrig?
Hedwig Doloszeski, Geschäftsführerin des Verbandes Energierohstoff- und Kraftstoffindustrie der WKO, erklärt den Preis mit dem Überangebot, "das wir im vergangenen Jahr aufgebaut haben". Beobachter rechnen damit, dass das globale Angebot weiter steigt. Und US-Präsident Donald Trump unterstreicht die Prognosen mit seiner Ankündigung, dass bald mehr venezolanisches Öl auf den Markt fließen solle – wiewohl US-Firmen der Ankündigung eher noch widerwillig gegenüberstehen.
Politisches Druckmittel
Ölpreise entstehen nicht nur durch Angebot und Nachfrage. Die knappe Ressource wurde stets auch als politisches Druckmittel und Spekulationsobjekt eingesetzt, sanktioniert und löste Kriege aus. Beispiel 1973: Nachdem Saudi-Arabien und Syrien Israel angegriffen haben, drosselten die arabischen OPEC-Staaten die Förderung, der Preis stieg in einem Jahr auf das Vierfache. 2008 – wirtschaftlicher Boom in China und anderen asiatischen Ländern, Spannungen zwischen Europa und dem Iran, Investoren, die während der Krise ihr Geld in Öl anlegten – erzielte ein Barrel Öl den bisherigen Höchstpreis von 150 US-Dollar. Während Corona kam es zu einem Preissturz, 2022 – nach Russlands Angriff auf die Ukraine und den Sanktionen des Westens – stiegen die Preise wieder, pendelten sich ein Jahr später aber wieder ein und sinken (mit zeitweisen Ausreißern) seitdem. Die nach wie vor hohen Produktpreise in Europa erklärt Doloszeski durch Auswirkungen von Produktionsausfällen, Sanktionen und Kosten, die neue Transportwege und Logistik verursacht haben.
Kurz vor Weihnachten erreichte der Rohölpreis den tiefsten Stand seit dem Jahr 2021, etwas unter 59 US-Dollar. Grund dafür: Trump drohte mit der Sanktionierung aller Tanker mit venezolanischem Öl, außer jener vom US-Riesen Chevron, und der US-Beschlagnahmung von einigen Tankern.
Auch wenn Venezuela laut der amerikanischen Energiebehörde EIA mit 303 Milliarden Barrel auf den größten Rohölvorkommen der Welt sitzt (17 Prozent aller bekannten Reserven), spielen andere Länder eine weitaus größere Rolle bei der globalen Öl-Produktion und damit für den Ölpreis: Größter Produzent sind die USA selbst (2024: 22,7 Millionen Barrel pro Tag, kurz bpd), gefolgt von Saudi-Arabien (10,7 Millionen bpd) und Russland (10,5 Millionen bpd). 2024 kamen 22 Prozent der weltweiten Ölförderung aus den USA, und je zehn Prozent aus Saudi-Arabien und Russland. Dem venezolanischen Staatsunternehmen für Ölförderung, PDVSA, zufolge produzierte Venezuela im Durchschnitt knapp 950.000 bpd im Jahr 2024 – und damit nicht einmal einen Prozent der weltweiten Fördermenge.
Zwei Millionen Barrel pro Tag "zu viel" Öl
Missmanagement, fehlende Investitionen und US-Sanktionen haben in Venezuela das Ihrige getan. Der Wiederaufbau der venezolanischen Ölindustrie dürfte laut Beobachtern ein Jahrzehnt dauern und Hunderte von Milliarden Dollar an Investitionen erfordern. "Ölförderung kann man nicht von einem Tag auf den anderen aufdrehen", sagt Doloszeski. Der aktuelle niedrige Ölpreis und die Aussicht auf wenig Profit ist für viele Investoren ein zusätzliches Hindernis. In den letzten Jahren drängten zudem neue Öllieferanten wie Brasilien, Guyana und Argentinien auf den Markt. Die Internationale Energieagentur prognostiziert sogar, dass das Angebot die Nachfrage heuer um bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag übersteigen könnte.
Das American Petroleum Institute (API), der größte Branchenverband der US‑Öl‑ und Gasindustrie, gab sich in einer ersten Stellungnahme am 4. Januar zurückhaltend: "Wir verfolgen die Entwicklungen in Venezuela aufmerksam, einschließlich der möglichen Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte", sagt ein API-Sprecher gegenüber Reuters.
Für die anderen Fördernationen und den Ölpreis würden ein Förderboom in Venezuela weder eine unmittelbare Bedrohung noch einen großen Einfluss darstellen, sind sich Beobachter einig. "Man geht von einem weiter sinkenden Ölpreis aus. Allerdings ist es möglich, dass sich die OPEC oder OPEC+ doch noch dazu entscheidet, dagegen zu steuern, und das Angebot durch eine Beschränkung der Fördermenge verknappt", glaubt Doloszeski.
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