Nicht, weil's billig ist: Wozu Trump Venezuelas Öl wirklich braucht
303 Milliarden Barrel Öl – das ist eine kaum vorstellbare Menge. Es entspricht dem Volumen des gesamten Bodensees, rund einem Viertel der globalen Ölreserven. Oder anders gerechnet: genug, um den heutigen Bedarf Österreichs noch etwa 3640 Jahre zu decken.
Auf diesem Schatz sitzt Venezuela. Oder besser gesagt: die USA. Seit US-Präsident Donald Trump am Wochenende Machthaber Nicolás Maduro festnehmen und in New York vor den Richter stellen ließ, hält der US-Präsident die Hand auf die venezolanischen Ölreserven, die größten der Welt. Das klingt aber deutlich besser, als es ist.
Denn der Großteil dieses Öls liegt noch im Boden, und die laufende Produktion ist marode. Schon unter Maduros Vorgänger Hugo Chavez war sie um 75 Prozent eingebrochen, dank Korruption, Misswirtschaft und dem Abgang von Fachkräften. Seit Jahren werden darum nur mehr geringe Mengen gefördert, und die Infrastruktur wurde seit 50 Jahren nicht modernisiert. Venezuelas Ölwirtschaft gleiche jener in Libyen oder im Jemen, sagen Experten – mit dem Unterschied, dass es in Venezuela nie einen Krieg gegeben habe.
Entsprechend reserviert reagierten die US-Ölriesen darum auf Trumps Forderung, nun in das politisch instabile Land zu investieren. Wirtschaftlich rechnet sich das Geschäft erst mal nicht: Der Ölpreis liegt derzeit bei etwa 60 Dollar pro Barrel, das ist deutlich zu niedrig, um die hohen Investitionskosten schnell wieder hereinzuholen.
Mindestens 60 Milliarden Dollar wären nötig, um die bestehenden Anlagen auf den heutigen Stand zu bringen; 110 Milliarden, um die Produktion auf den Höchststand vor 15 Jahren zu bringen. Das wäre etwa doppelt so viel, wie die US-Ölkonzerne 2024 weltweit investiert haben. Und Gewinne wären damit erst in fünf bis zehn Jahren zu erwarten, schätzen Experten.
Erdöl ist nicht Erdöl
Wieso also greift Trump dann nach Venezuelas Öl? Um globaler Marktführer zu werden, braucht er es nicht. Das sind die USA bereits. Trump setzte schon in seiner ersten Amtszeit massiv auf Fracking, die USA überholten so Saudi-Arabien als größten Ölproduzenten und -exporteur. Heute fördern sie 22 Prozent des globalen Öls, die Saudis und Russland je nur mehr zehn. Mehr Förderung würde dazu den Ölpreis weiter drücken – was auch den Konzernen wenig nützt.
Kurzfristig rechnet sich Trumps Intervention wirtschaftlich kaum, geopolitisch hingegen sehr wohl. Das venezolanische Öl ist eine neue Waffe in seinem Handelskrieg: Die USA fördern vor allem dünnflüssiges, aus Schiefer gepresstes Frackingöl, das sich unkompliziert zu Benzin verarbeiten lässt. Venezuela hingegen verfügt über schweres, schwefelhaltiges Rohöl, das aufwendig mit Zusätzen verarbeitet werden muss, für das die Nachfrage aber hoch ist: Es wird für Diesel benötigt, der – ironischerweise auch wegen der US-Sanktionen gegen Venezuela – weltweit gerade knapp ist.
Dieses schwere Rohöl importieren die USA derzeit teuer aus Kanada. Mit dem nördlichen Nachbarn liegt Trump jedoch im Zollstreit. Venezuela wiederum exportiert sein schweres Öl hingegen nach China, das es aufgrund der enormen venezolanischen Schulden zu Spottpreisen erhält. Trump könnte so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Kanada würde als Lieferant überflüssig, Peking wirtschaftlich und politisch gedemütigt. Peking, sagte Trump, bekäme die Rechnung für venezolanisches Öl nämlich aus Washington – und auf den Schulden des Maduro-Regimes bliebe China so ebenfalls sitzen.
Ob diese Rechnung aufgeht, ist aber offen. Sieht man sich andere historische US-Interventionen an, bei denen es auch ums Öl ging, wird sich das Ganze erst in einigen Jahren lohnen – wenn überhaupt. Im Irak etwa erreichte die Ölproduktion erst rund zehn Jahre nach der US-Invasion wieder das Niveau der Saddam-Ära.
Mittlerweile ist das Land zwar der siebtgrößte Ölproduzent der Welt. Der einflussreichste ausländische Öl-Investor sind aber nicht die USA – sondern China.
Kommentare