Lange Schlangen Wartender vor jedem Geschäft in Venezuela.

© APA/AFP/JUAN BARRETO

Versorgungskrise
06/04/2016

Venezuela: Ein Land schmiert ab

Zu wenig Strom, Lebensmittel und Medikamente. Das reiche Ölland steht vor dem Kollaps.

Es ist schockierend, einen Vierjährigen hellauf begeistert zu sehen, nur weil seine Mutter Milch gefunden hat – und er eine Tasse Kakao trinken kann. Oder einen Siebenjährigen sagen zu hören, dass er die Regierung nicht mag, "weil die alles falsch machen, und meine Eltern jetzt kein Ketchup mehr im Geschäft kaufen können".

Als ich ein Bub war, habe ich nie an Politik gedacht. Ich habe Kinder in den Straßen von Caracas betteln sehen. Aber diese Kinder wollten nur Geld, sie haben nicht gehungert. Jetzt sehe ich Leute – Kinder, Erwachsene, Alte – die um Geld bitten. Aber wie viel sie auch erbetteln, es reicht nie, um Essen zu kaufen. Erstens, weil der Wert des Geldes rasend verfällt. Und zweitens, weil es in den Geschäften ohnehin fast nichts mehr zu kaufen gibt.

Wenn ich auf die Straße gehe, ist es unmöglich, einen Supermarkt zu sehen, vor dem nicht Menschen in elendslangen Schlangen warten. Sie hoffen darauf, Nahrungsmittel mit staatlich regulierten Preisen zu finden. Die Regierung von Präsident Maduro hat diese Preise festgesetzt. Um, wie die Staatsführung sagt, den Leuten zu "garantieren", dass es diese Waren gibt und um zu zeigen, dass man gegen den "Wirtschaftskrieg" ankämpfe, den der "nordamerikanische Imperialismus" Venezuela und dessen sozialistischer Revolution erklärt habe.

Manchmal gibt es in den Geschäften gar nichts. Nur Gerüchte, dass "irgend etwas" angeliefert wurde. Was ist irgend etwas? Milch, Reis, Brot, Zucker, Öl, Butter, Nudeln, Kaffee, Weizen oder Maismehl oder was man so braucht, um "Arepas" zu machen, ein typisches Essen in Venezuela.

Ohne Gerste kein Bier

Wir essen, was wir bekommen. Nicht, was wir wollen. Fleisch und Fisch findet man praktisch gar nicht mehr. Sogar das Bier geht uns aus. Der Polar-Konzern, das größte Privatunternehmen des Landes, begründet das damit, dass die Gerstenvorräte erschöpft seien. Wegen der Devisenpolitik der Regierung sieht man sich außerstande, weiter Gerstenmalz aus dem Ausland einzuführen – Gerste wächst bei uns nicht. Polar muss die Regierung um Genehmigung für Dollars bitten – und die Regierung, die die freie Marktwirtschaft verabscheut, verweigert sie.

Es gibt auch einen riesigen Mangel an Hygieneartikeln: Klopapier, Deodorants, Rasierer, Schampoo, Seife und Frauenhygiene-Produkte. Wer immer ins Ausland fährt, deckt sich mit allem, was nur möglich ist, ein.

Aber noch viel schlimmer ist der Mangel an medizinischen Produkten. Wegen der fehlenden Devisen und den Schulden bei den Arzneimittelherstellern werden die Medikamentenschränke immer leerer. Dass Menschen an Bluthochdruck oder Diabetes sterben, ist schon Routine geworden. Vergangene Woche starb ein achtjähriger Bub, der auf der Suche nach dem richtigen Medikament von Spital zu Spital pilgerte. Dabei fing er sich ein Bakterium ein, das ihn letztlich tötete. Manche Ärzte sind so verzweifelt, dass sie Tiermedikamente bei Menschen anwenden. Frühchen sterben, weil es zu wenig Strom für die Brutkästen gibt.

Kein Licht in den OPs

Die Regierung sieht die Schuld für die Stromknappheit beim Klimaphänomen "El Nino", das die Trockenheit verursacht habe und Venezuelas Wasserkraftwerke nahezu stromlos ließ. Aber unzählige Berichte belegen, wie die Chavez- und Maduro-Regierung die Instandhaltung der Kraftwerke vernachlässigt haben. Und wie die Energieversorgung seit dem Jahr 2000 nicht weiter vorangetrieben wurde, obwohl die Bevölkerung wächst. Aber ohne Inkubatoren, Ventilatoren oder simples Licht können Ärzte nicht operieren. Die Operationsräume sind schmutzig, weil es nicht genug Desinfektionsmittel gibt.

Was hat uns an diesen Punkt gebracht?

Die Hoffnung auf einen messianischen Retter ist eine Konstante in den Gedanken der Venezolaner. Ende der 90er-Jahre war unsere Demokratie erschöpft, unsere Parteien waren alt und korrupt. Dann kam Hugo Chavez, ein Mann der Armee, und man glaubte, dass er die überbordende Kriminalität bekämpfen könnte. Mit ihm kam ein Hoffnungsträger der Armen an die Macht. Aber Chavez‘ Gefolgsleute wollten auch nur reich werden und vergaßen die Bevölkerungsschicht, die sie repräsentieren wollten. Und das hat die Verzweiflung und den Verfall der Moral nur noch einmal bestärkt. Jetzt haben wir in den Straßen der Städte jeden Tag Proteste. Aber sie haben nichts verändert.

Wenn ich auf die Straße gehe, achte ich immer darauf, nicht zu telefonieren – weil man mich sofort überfallen würde, sobald ein elektronisches Gerät sichtbar wird. Alle versuchen daheim zu sein, bevor es dunkel ist. Nach acht Uhr auf der Straße zu gehen, kann sehr gefährlich sein – selbst für die Diebe. Es gibt keine sicheren Orte mehr in Caracas, nur weniger gefährliche. Nicht nur Kriminelle stehlen, kidnappen oder töten. Auch korrupte Polizisten können dich erpressen oder sogar töten, weil sie etwas haben wollen, was du hast. Präsident Maduro hat noch immer die Unterstützung seiner Hardliner, aber sie werden weniger. Er will unter allen Umständen an der Macht bleiben. Aber die Mehrheit der Menschen hier glaubt, dass es das Beste wäre, um sozialen Aufruhr und blutige Konfrontationen zu vermeiden, uns wählen zu lassen.

Von Manuel Tovar.

Der Journalist bei der unabhängigen venezolanischen Tageszeitung El Nacional hat diesen Artikel für den KURIER verfasst.

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