Politik | Ausland
06.11.2018

US-Wahl: Was ist dran am Wirtschaftsboom?

Jobwunder, Börsenhoch, Wachstumsrekord: Der Trump-Wahlkampf überschlug sich vor Superlativen. Was stimmt? Ein Fakten-Check.

Ist es wirklich die Wirtschaft, die Wahlen in den USA entscheidet? Bill Clinton hatte 1992 unzweifelhaft Erfolg, der Sager („It’s the economy, stupid“) war freilich auf die damalige Rezession gemünzt, die Amtsinhaber George W. H. Bush angelastet wurde.

Auch Präsident Donald Trump setzte im Rennen um die Kongresskammern auf die Wirtschaft – auf jenen Boom, der seit seinem Amtsantritt im Jänner 2017 eingesetzt habe. Halten die großspurigen Behauptungen einer Überprüfung stand?

- Konjunktur

Trump ist laut Umfragen der unpopulärste Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg (Link zu den Umfrage-Daten). Also suchte er sich andere Maßzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), um seinen Erfolg zu belegen. „Die Zahlen sind imposant: 4,1 Prozent Plus im zweiten Quartal“, tönt ein TV-Spot der Republikaner. Der Wert ist tatsächlich überdurchschnittlich, aber nicht einmalig: Seit der Krise gab es 2009, 2011 und 2014 insgesamt vier Jahresviertel mit noch höheren Zuwächsen gegenüber dem Vorquartal.

- Konsumenten

In dieser Hinsicht ging das Kalkül auf: Die positiven Zuwachszahlen beflügeln die Stimmung der Verbraucher. Der „Konsumlaune-Index“ der Uni Michigan liegt mit fast 100 Punkten weit über dem jahrzehntelangen Durchschnitt (84 Punkte).

- Arbeitsmarkt

Die gute Auftragslage schafft Jobs, viele Unternehmen suchen Hände ringend qualifiziertes Personal. Die Arbeitslosenrate ist auf den niedrigsten Wert seit 1969 gesunken, nachdem sie sich während der Finanzkrise mehr als verdoppelt hatte. Trump darf sich das aber nur zum Teil auf seine Fahnen heften. Die Trendwende im US-Arbeitsmarkt hatte im Herbst 2009 eingesetzt, also zu Beginn der Obama-Ära. Seither sinkt die Arbeitslosigkeit mit recht konstantem Tempo.

- Steuern

Befeuert wurde der US-Boom durch die groß angelegte Steuerreform, die vielen Unternehmen hübsche Gewinnsprünge brachte. Das wiegt vielfach Einbußen aus den Strafzöllen und dem Handelsstreit auf: „Wir hatten bisher keine Nachteile aus der Trump-Ära, sondern sehen eher die Steuererleichterungen“, resümierte Barbara Potisk-Eibensteiner, Finanzchefin der Zellstoff- und Papiergruppe Heinzel Holding, im „Börsianer Salon“.

- Börse

Aus Sicht von Erste-Group-Chefanalyst Friedrich Mostböck hat der von Trump angezettelte Handelskonflikt den USA bisher eher genützt und China geschadet: „Die US-Börsen profitierten, die Börse Shanghai ist unter Druck geraten.“ Stimmt: Der ein breites Potpourri an US-Firmen umfassende S&P500-Index hat seit Trumps Amtsantritt um 20,6 Prozent an Wert zugelegt. Der chinesische SSE-Index hat im selben Zeitraum fast 15 Prozent eingebüßt.

Seit Jahresbeginn ist es mit der Herrlichkeit aber vorbei, nach einigen Dämpfern sind die US-Aktien wieder dort, wo sie im Jänner 2018 waren.

- Industrie

An der Globalisierung kann auch Trump nicht vorbei: Das Versprechen, die Industriejobs in die USA zurückzuholen, ist kaum einlösbar. Die Zeiten, als 18 Millionen Amerikaner im produzierenden Sektor Beschäftigung fanden, sind seit der Jahrtausendwende vorbei. Die Abwanderung der Fabriken in Richtung Asien wurde allerdings lange vor Trump gestoppt. 2010 war der Boden gefunden, seither geht es langsam, aber stetig bergauf. Aktuell sind 12,8 Millionen in der US-Industrie beschäftigt.

- Finanzen

Großes Aber hinter dem Boom: Trumps Agenda reißt ein gewaltiges Loch in die Staatsfinanzen. Auch die Steuerreform wurde großteils auf Pump finanziert. Die Schulden sind auf einem Allzeithoch von 21.700 Milliarden Dollar angekommen.

- Handel

Der Handelskonflikt kennt auch in den USA viele Verlierer. Die Farmer leiden, weil etwa der Preis für Soja um ein Fünftel eingebrochen ist. Und die Lücke der US-Handelsbilanz hat sich (wie Experten prophezeit hatten) durch die Strafzölle sogar vergrößert statt wie versprochen verkleinert.

Fazit: Wie jede populistische Politik zielt Trumps Kurs darauf ab, kurzfristige Erfolge einzufahren. Viele der wirtschaftspolitischen Maßnahmen heizten die an sich schon gute US-Konjunktur weiter an. Nachhaltig ist das nicht. Ob sich diese Politik in einem Abschwung bewähren würde, ist fraglich. Und die Zeche begleichen müssen – in Form der hohen Schulden – die jungen US-Amerikaner.

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