Politik | Ausland
31.10.2018

US-Schiff ignorierte ertrinkende Migranten - 76 Tote

"Nicht ihr Job". Zeugen berichten, wie die US-Besatzung im Juni Dutzenden Frauen, Kindern und Männern beim Sterben zusah.

76 Menschen ertranken bei dem Schiffsunglück im Mittelmeer am 12. Juni. Doch laut Zeugenaussagen hätten sie alle nicht sterben müssen. Sechs Überlebende der Katastrophe berichteten von den dramatischen Szenen. Laut ihren Aussagen hätten alle gerettet werden können, wenn ein US-Marineschiff, das sich in unmittelbarer Nähe der Gekenterten befand, schneller reagiert hätte.

Die Staatsanwaltschaft von Ragusa ermittelt nun gegen das amerikanische Marineschiff „Trenton“ wegen unterlassener Hilfeleistung und zu spät eingeleiteter Rettung.

Erst 50 Minuten nach Kentern des Schlauchbootes mit 117 Menschen an Bord kam „Trenton“ zu Hilfe. 41 Menschen konnten aus dem Meer gerettet werden. Zum Zeitpunkt des Unglücks befand sich der italienische Journalist Fabio Butera an Bord des NGO-Schiffes „Sea Watch“, das weiter vom Unglücksort entfernt unterwegs war. Er erlebte damals die Funkgespräche mit dem US-Schiff aus nächster Nähe. In einer Video-Reportage für Repubblica-TV sammelte er Zeugenaussagen von Überlebenden.

Die 117 Personen waren in der Nacht von der libyschen Küste in einem überfüllten Schlauchboot Richtung Italien aufgebrochen. Nach achtstündiger Überfahrt auf stürmischer See hätten sie in der Früh ganz in ihrer Nähe ein US-Marineschiff entdeckt. Die Afrikaner berichten, dass sie verzweifelt um Hilfe riefen. Die Menschen wären aufgestanden, um sich bemerkbar zu machen. Das brachte jedoch das fragile Boot zum Kentern.

„Wir haben dieses Schiff gesehen, es war nicht weit von uns entfernt, wir haben die amerikanische Flagge gesehen, und wenn sie uns gerettet hätten, als noch alle an Bord waren, wären 76 Menschen nicht gestorben“, so ein Überlebender, der seinen jüngeren Bruder und seine schwangere Freundin verlor.

Doch das US-Schiff reagierte nicht und entfernte sich. Es spielten sich dramatische Szenen ab. Viele sahen ihre Brüder, Freundinnen und schwangere Frauen, die vergeblich mit letzter Kraft versuchten, sich am sinkenden Gummiboot festzuhalten, im Meer verschwinden.

„Nicht ihr Job“

Das US-Marinekommando erklärte auf Anfrage, die „Trenton“-Besatzung habe das Boot erst später entdeckt, als es bereits gekentert war. Die Überlebenden berichten, dass die Marines ihnen sagten, Rettung von Menschenleben sei „nicht ihr Job“. Bereits zwei Tage vor dem Unglück hatte sich die „Trenton“ geweigert, Menschen an Bord zu nehmen, wie Funkaufzeichnungen bestätigen.

Nach internationalem Seerecht ist jedoch jedes Schiff verpflichtet, Hilfesuchenden bei Seenot unverzüglich Hilfe zu leisten.