Die lange Liste der US-Interventionen in Lateinamerika
Die US-Angriffe in Venezuela und die Mitteilung über die Gefangennahme des autoritären Präsidenten Nicolás Maduro sind Teil einer langen Geschichte militärischer und geheimdienstlicher Interventionen der USA in Lateinamerika.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben die Vereinigten Staaten immer wieder in ihrem sogenannten "Hinterhof" in die inneren Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten eingegriffen, meist mit dem erklärten Ziel, US-Interessen zu schützen oder kommunistische Einflüsse einzudämmen.
Diese Interventionen haben die politische Landschaft der Region nachhaltig geprägt und zu erheblichen Spannungen geführt. Ihren Anfang haben sie bereits in den 1970er-Jahren – und erleben nun offenbar eine (viel kritisierte) Renaissance.
US-Präsident Donald Trump hat eigentlich angekündigt, sich mit seiner "America First"-Politik aus internationalen Konfliktherden zurückzuziehen. Wie die zuletzt veröffentlichte "Nationale Sicherheitsstrategie" zeigt, gilt das jedoch nicht für Lateinamerika, wo die USA nationale Sicherheitsinteressen gefährdet sehen. Trump reiht sich damit in eine lange Tradition von direkten Interventionen, Geheimdienst-Operationen und Militärputschen ein, die jahrelang das Image der USA in den Lateinamerika und die wirtschaftliche wie politische Entwicklung der Länder langfristig prägten.
US-Interventionen in Lateinamerika seit den 1970er-Jahren – eine chronologische Einordnung:
Chile (1970–1973)
Nach dem Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende intensivierten die USA ihre verdeckte Einflussnahme auf politische und wirtschaftliche Akteure im Land. Ziel war es, die Regierungsfähigkeit Allendes zu untergraben und einen Machtwechsel herbeizuführen, ohne offen militärisch einzugreifen. Die Intervention folgte der Logik des Kalten Krieges: Ein demokratisch gewählter, aber marxistischer Präsident wurde als strategisches Risiko wahrgenommen – und letztlich gegen einen Diktator ersetzt. Der Militärputsch von 1973, der in die Diktatur Augusto Pinochets mündete, gilt bis heute als prägendes Beispiel indirekter US-Intervention.
Diktator von US-Gnaden: Augusto Pinochet regierte Chile bis 1989.
Operation Condor (ab 1976)
In den Militärdiktaturen des südlichen Lateinamerikas entstand mit der "Operation Condor“ ein länderübergreifendes Netzwerk zur Verfolgung, Entführung und Ermordung politischer Gegner. Die USA waren daran nicht operativ beteiligt, verfügten jedoch nachweislich über Wissen über Struktur und Vorgehen des Netzwerks und ordneten es außenpolitisch dem Ziel der "anti-kommunistischen Stabilität“ unter.
Nicaragua (ab 1981)
Nach dem Sturz der von den USA gestützten Somoza-Diktatur unterstützte Washington bewaffnete Contra-Milizen im Kampf gegen die sandinistische Regierung. Die Intervention erfolgte über Finanzierung, Ausbildung und Bewaffnung von Rebellen, teils verdeckt und unter Umgehung parlamentarischer Kontrolle. Nicaragua wurde so zum zentralen Schauplatz eines Stellvertreterkonflikts, der weniger auf demokratische Entwicklung als auf Eindämmung linker Politik abzielte.
El Salvador (1980er-Jahre)
Im salvadorianischen Bürgerkrieg unterstützten die USA die Regierung massiv mit Militärhilfe, Ausbildung und Beratung. Obwohl schwere Menschenrechtsverbrechen durch staatliche Sicherheitskräfte dokumentiert waren, hielt Washington an der Unterstützung fest. Auch hier lag die Priorität auf der Verhinderung eines linken Machtgewinns.
Guatemala (frühe 1980er)
Auch in Guatemala spielten die USA eine indirekte, aber folgenreiche Rolle. Sicherheitskooperation und geheimdienstliche Unterstützung trugen dazu bei, dass staatliche Repressionsapparate gestärkt wurden, während indigene Bevölkerungsgruppen und politische Gegner massiv verfolgt wurden. Die Intervention war weniger sichtbar als in Nicaragua oder El Salvador, aber strukturell tief verankert.
Grenada (1983)
Mit der Invasion Grenadas griffen die USA offen militärisch ein, um eine linksgerichtete Regierung zu stürzen. Die Operation war kurz, militärisch erfolgreich und sollte ein deutliches Signal senden: Die USA waren bereit, ihre Dominanz in der Karibik auch mit direkter Gewalt zu sichern.
Panama (1989–1990)
Am 3. Jänner 1990 ergab sich Panamas Machthaber Manuel Antonio Noriega US-amerikanischen Truppen, die das mittelamerikanische Land Ende 1989 angegriffen hatten. 1992 wurde er in den USA unter anderem wegen Drogenhandels verurteilt und saß bis zu seinem Tod 2017 hinter Gittern. Das war auf den Tag genau vor 36 Jahren vor Maduros Gefangennahme. Der Einsatz zeigte, dass die USA auch nach dem Kalten Krieg bereit waren, militärisch zu intervenieren, wenn Kerninteressen berührt wurden.
Haiti (1994–1995)
Mit internationalem Mandat intervenierten die USA, um den gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder einzusetzen. Die Operation wurde als demokratische Wiederherstellung legitimiert und markierte einen neuen, normativ aufgeladenen Interventionsstil der 1990er-Jahre. Langfristig blieb der politische und wirtschaftliche Erfolg jedoch begrenzt.
Kuba (ab 1996)
Mit dem Helms-Burton-Gesetz verschärften die USA ihr Embargo und gaben ihm extraterritoriale Wirkung. Damit wurde wirtschaftlicher Druck zum zentralen Interventionsinstrument. Kuba steht exemplarisch für eine Strategie, die in den 90ern nicht auf Regimewechsel durch Gewalt, sondern auf dauerhafte ökonomische Isolierung setzt.
Kolumbien (ab 2000)
Der "Plan Colombia“ verband Drogenbekämpfung, Militärhilfe und Staatsaufbau. Die USA wurden zum wichtigsten externen Akteur in einem komplexen innerstaatlichen Konflikt. Während staatliche Kapazitäten gestärkt wurden, blieb die Bilanz hinsichtlich Gewalt, Vertreibungen und Menschenrechten ambivalent.
Venezuela (2002, ab 2017)
Die Vorgeschichte zur nunmehrigen Intervention in Venezuela geht bereits auf das Jahr 2002 zurück. Nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Hugo Chávez und verstärkt ab 2017 setzten die USA auf politische und wirtschaftliche Destabilisierung des Landes. Die Politik mit Sanktionen und diplomatischer Druck sollten einen Machtwechsel erzwingen, und fand nunmehr in der Entführung von Chavez' Nachfolger Maduro ihren Höhepunkt.
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