Großflächige Tattoos als weit verbreitetes Phänomen unter US-Soldaten – nicht mehr lange, geht es nach der Armee. Allerdings wird es damit noch schwerer, Rekruten zu finden.

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Politik | Ausland
08/17/2014

US-Armee: Zu viele Tattoos, zu dick, ungebildet

Vormarsch der IS zeigt: Ohne die USA geht es nicht – aber das Pentagon hat Rekrutierungsprobleme.

Die einen wollen gefallene Kameraden ehren, andere ihre Truppe, manche tragen es als Erinnerung – an Kinder, die Geliebte, zu Hause. Verschieden sind die Gründe, warum Soldaten der US-Armee Tattoos tragen. Fakt ist: Viel Farbe floss unter der Haut von GIs. "Man kann kaum einen Stein in eine Formation werfen, ohne jemanden zu treffen, der nicht zumindest ein Tattoo hat", schreibt Staff Sergeant Stephanie van Geete in "Army-Live", dem offiziellen Blog der US-Armee.

Schätzungen gehen von 90 Prozent aus – offizielle Zahlen gibt es nicht. Bei der Army zu sein, sei nicht bloß ein Job; es sei ein Lebensstil, so Aki Paylor. Jedes seiner Tattoos stehe dafür, was er sei, wo er herkomme und was er durchlebt habe, so der Master Sergeant. Auf seinem Unterarm prangert der Warrior Ethos – die "vier Gebote" der Army.

Mit solch einem Tattoo würde Paylor jetzt bei der Army nur noch schwer aufgenommen werden: Seit April gelten für Neuankömmlinge strenge Tattoo-Vorschriften, die strengsten unter den US-Kampfverbänden. Kopf, Gesicht, Nacken, Hände und Finger müssen frei von Tinte bleiben, unter Knie- bzw. Ellbogenhöhe dürfen maximal vier Tattoos sichtbar sein und die Größe einer Handfläche nicht überschreiten.

Das mache das Rekrutieren junger Leute schon schwieriger, erzählte Staff Seargeant Carrington Oliver vom Rekrutierungsbüro in South Holland südlich von Chicago der Zeitung Chicago Tribune. Zehn bis zwölf mögliche Kandidaten müsse er pro Monat deswegen heimschicken. Dabei zeigt der Vormarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einmal mehr, dass die militärische Einsatzbereitschaft des Westens zu wünschen übrig lässt. Nur die USA sind tatsächlich bereit, den Kurden im Kampf gegen die IS schlagkräftig zur Seite zu stehen.

Imagepolitur

Mit den neuen Regeln soll mitunter das Image aufgebessert werden. In den Jahren nach den Terroranschlägen von 9/11 wurde mehr Truppenstärke benötigt. Dienstwillige Männer und Frauen gaben sich die Klinke der Rekrutierungsbüros in die Hand, und bei den Aufnahmekriterien drückte die Army ab und an ein Auge zu. Die Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit verliehen dem Zustrom zusätzlichen Schub. Nun ist Zeit für die Wende, nicht zuletzt bedingt durch den ausgerufenen Sparkurs der Regierung in Washington: Im Februar hat Verteidigungsminister Chuck Hagel verkündet, die Truppenstärke der Armee auf den niedrigsten Bestand seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfen zu wollen.

57.000 Rekruten

Nichtsdestotrotz braucht die Army heuer 57.000 Rekruten, um den laufenden Betrieb sichern zu können. "Die Army versucht sicherzustellen, dass sich nur die besten Rekruten bewerben", erklärt Wayne V. Hall, Army-Sprecher im Pentagon dem KURIER. "Es gilt keinesfalls eine Null-Toleranz-Politik. Wir versuchen, jeden Bewerber einzeln und als Menschen zu sehen", sagt Hall und beschreibt die gesuchte Zielgruppe: "Wir suchen motivierte und ehrgeizige junge Menschen, die geistig, moralisch und physisch qualifiziert genug sind, um sie zu Soldaten auszubilden."

Doch für den Dienst geeignet sind immer weniger junge Amerikaner. "Nur 25 Prozent der heutigen Jugend eignen sich für den Armee-Dienst", bedauert Hall. "Der Hauptgrund, warum die Jugendlichen nicht qualifiziert genug sind, ist Fettleibigkeit." Aber auch Cannabis-Missbrauch, regelmäßiger Konsum anderer Drogen oder eine kriminelle Vergangenheit verhinderten eine Rekrutierung. Zudem würde ein Viertel der Highschool-Absolventen den Aufnahmetest der Armee aufgrund fehlender Rechen- und Lese-Kenntnisse nicht bestehen. Oder sie sind eben zu stark tätowiert.

Wer gern in die Army möchte, dem rät Hall: "In der Schule bleiben, einen Highschool-Abschluss machen, körperlich fit bleiben und Situationen vermeiden, die zu einer Anzeige führen könnten."

50 Mrd. Dollar für Kriegsinvaliden

Dass er invalid sein könnte, kam Malvin Espinosa, als er seinen aktiven Dienst bei der US-Army 2001 quittierte, nicht in den Sinn. Doch auf Anraten eines Beraters im Ministerium für Kriegsveteranen (VA) begann der damals 38-Jährige, seine Leiden aufzulisten: Klingeln im Ohr, Gelenksschmerzen, Schlafstörungen und dieses traumatische Erlebnis, als er in Afghanistan einen toten Kameraden aus dem Hubschrauber laden musste. 80 Prozent Invalidität, urteilte das VA. Als Entschädigung erhält der dreifache Vater 1800 Dollar im Monat – steuerfrei.

Espinosa ist einer von fast 900.000 Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan gekämpft haben und die heute Invalidenrente beziehen. Statistisch betrachtet gelten somit rund 40 Prozent der in diesen Kriegen eingesetzten Soldaten als invalid, weit mehr als in allen früheren Konflikten der USAVietnam und Zweiter Weltkrieg mit einbezogen.

Dass immer mehr Veteranen Invalidenrente zusteht, liegt an laufend gelockerten Bestimmungen. 2001 wurde etwa Typ-2-Diabetes als Grund für Invalidität in die Liste aufgenommen, 2010 kamen die koronare Herzkrankheit und Parkinson dazu. Darüber hinaus sollten sich vermehrt ehemalige GIs mit posttraumatischen Belastungsstörungen melden.

Die Zahl der Bezieher ging daher steil nach oben: Waren es 2001 noch 2,32 Millionen, die Anspruch auf Ausgleichszahlungen hatten, kassieren heute bereits 3,84 der rund 22 Millionen US-Veteranen Invalidenrente. Mit finanziellen Folgen: Kletterten die Kosten zwischen 1991 und 2001 von 16,6 auf 20,8 Milliarden Dollar, haben sie sich in den Jahren danach vervielfacht. Heute sind es gut 50 Mrd. Dollar, Tendenz steigend.

Invalidenrente beträgt je nach Grad der Beeinträchtigung und Familienstand zwischen 131 Dollar und 3390 Dollar.