Politik | Ausland
27.02.2013

Dafür stehen die "Grillini"

162 „Grillini“ ziehen in die beiden Kammern des römischen Parlaments ein. Auf der Agenda: Umweltschutz, Kampf gegen Korruption und Schulden.

Am Tag nach dem Riesenerfolg der Protestbewegung von Beppe Grillo bleibt italienischen Politologen noch immer der Mund offen, auch sie scheinen von der Grillo-Welle überrollt. Ein Viertel aller Stimmen fuhr die Bewegung als stimmenstärkste Einzelpartei ein. „Wie sich die ,Grillini‘ im Parlament verhalten werden, dazu bräuchte ich eine Kristallkugel, um in die Zukunft sehen zu können. Die Mehrheit ist jung, gut ausgebildet, mit klaren Ideen“, sagt etwa Politologe Giovanni Orsina.

162 „Grillini“ ziehen in die beiden Kammern des römischen Parlaments ein. Wer sind sie? Im Wahlkampf standen sie alle im Schatten des Satirikers und Bloggers Beppe Grillo. Die „Grillini“, wie die Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung genannt werden, sind eine bunte Mischung quer durch alle sozialen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Viele stammen aus der enttäuschten Mittelklasse, die angesichts der Wirtschaftskrise zunehmend verarmt und in eine negative Zukunft blickt. „Wir wissen sehr genau, was Grillo ablehnt, es gibt sehr viele Neins von ihm zu allen möglichen Themen. Weniger bekannt ist, wozu die Protestbewegung ja sagt“, so Orsina.

Gute Erfahrungen

Wie die Zusammenarbeit mit der Grillo-Protestbewegung konkret ausschaut, hat der sizilianische Regionalpräsident Rosario Crocetta in den vergangenen Monaten erfahren. Die euroskeptische Movimento Cinque Stelle-Partei ist mit 15 Prozent stimmenstärkste Partei auf der Insel. „Ich hatte von Beginn an eine gute Beziehung mit den Grillini“, erzählt Linksdemokrat Crocetta. Von den „Grillini“ wurde Crocetta bei der Kürzung „unnötiger Ausgaben und Privilegien“ in der Regionalverwaltung unterstützt. „Auch bei Umweltfragen und einem gerechten Sparprogramm, das den sozialen Status miteinbezieht, haben wir gut zusammengearbeitet“, bestätigt Crocetta. An die Adresse des Mitte-links-Wahlsiegers Pier Luigi Bersani richtet er aus, dass ein Dialog mit Grillo „wirklich möglich“ sei.

Der 62-jährige Sizilianer beschreibt die „Grillini“ als „junge, pragmatische Leute mit gutem Willen, die eine große Veränderung wollen“.

Euro-Volksabstimmung

Grillos Positionen sind einfach und populistisch. Seine Bewegung fordert niedrigere Gehälter für Politiker, weniger Geld für die Parteien und die öffentlich-rechtlichen Medien. Die Arbeitswoche will Grillo auf zwanzig Stunden verkürzen. Über den Verbleib in der Eurozone sollen die Italiener in einer Volksabstimmung entscheiden. Noch am Wahlabend erklärte Grillo sich für „Wasser als öffentliches Gut, öffentliche Schuleinrichtungen und medizinische Versorgung für alle“ einzusetzen. „Wenn sie unseren Kampf nicht mittragen, werden sie es sehr schwer mit uns haben, wir sind eine außergewöhnliche Kraft“, ließ Grillo den etablierten Parteien ausrichten.

Zu den prominenten Unterstützern zählt Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo. „Das ist ein außerordentlicher Erfolg der Jugendlichen, in Italien muss alles geändert werden. Die Legislaturperiode könnte kurz werden, inzwischen muss man aber neue Wege erfinden, um die Institutionen zu erneuern“, sagte Fo.

Gefeiert wurde der Wahlerfolg am Montagabend im Hotel Saint John, unweit der Piazza Navona in der römischen Innenstadt. Die 39-jährige Steuerangestellte Carla Rocco, Grillo-Anhängerin der ersten Stunde, prostet mit einem Bier zu. „Das Land braucht einen Wandel. Die Bürger müssen wieder ihre Zukunft in die Hand nehmen. Die Politiker kümmern sich nur um ihre persönlichen Angelegenheiten und nicht um das öffentliche Interesse“, sagt Rocco zum KURIER.

Die Neapolitanerin hat als Volontärin in der Bewegung begonnen, weil es sie störte, dass „die Politiker nicht auf die Bürger hörten“. Es sei viel Arbeit gewesen, um diesen Erfolg möglich zu machen. „Wir starteten die Kampagne ohne Geld, wir mussten viel improvisieren. Wenn du kein Geld hast, muss dein Geist mehr arbeiten. Aber gemeinsam schafften wir es“, erzählt Rocco stolz.