© Reuters/Konstantin Chernichkin

Ukraine
12/10/2013

„Schokoladekönig“ will Neuwahlen

Interview: Bei den Protesten gehe es um Modernisierung, sagt Petro Poroshenko, der mögliche Übergangspremier

von Stefan Schocher

Er trägt den Spitznamen Schokoladekönig. Als Besitzer eines Süßwarenkonzerns und eines TV-Kanals war Petro Poroshenko einer der engsten Vertrauten von Viktor Juschtschenko während der Orangen Revolution 2004, wurde 2009 Außenminister und 2012 Wirtschaftsminister unter Viktor Janukowitsch. Heute ist er milliardenschwerer Unternehmer sowie fraktionsloser Parlamentarier – und viele sehen seine Stunde gekommen: Als Mann an der Spitze einer ukrainischen Übergangsregierung.

KURIER: Was geht in der Ukraine gerade vor sich? Ist das eine einfache Krise? Eine Revolution? Der Beginn von etwas Größerem?

Petro Poroshenko: Das hier ist ein einmaliges Ereignis. Ist es eine Revolution? Nein, es ist eine rein zivile Maßnahme, die sich auf der Straße äußert. Manifestiert durch hunderttausende Menschen alleine in Kiew und Millionen im gesamten Land. Menschen, die nicht für höhere Löhne oder niedrigere Steuern demonstrieren, sondern für die EU. Menschen, die ihr Land modernisieren wollen. Das sind keine Parteigänger der Opposition. Sie wollen einfach die Demokratie in diesem Land stärken und ich bin sehr stolz auf diese Menschen. Ich bin stolz auf dieses Land. Was jetzt passiert: Am ersten Tag waren es 100.000 Menschen. Am zweiten, am schwarzen Freitag, als das Assoziierungsabkommen scheiterte, waren die Leute zornig. Am dritten Tag die Eskalation, der blutige Samstag. Und am nächsten Tag: 750.000 Menschen in Kiew, die friedlich demonstrieren.

Nach diesem blutigen Samstag, wie sie es nennen: Ist dieser Protest nach wie vor einer für das Assoziierungsabkommen oder vor allem einer gegen die Regierung?

Jetzt haben wir drei Gründe zu demonstrieren. Erstens: das Assoziierungsabkommen. Zweitens: Die Menschen, die den Befehl zum Einschreiten gegeben haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Die müssen ins Gefängnis. Nicht aus Rache. Nur als Feststellung, dass die Menschen in der Ukraine dieses Verhalten nicht akzeptieren. Kiew war immer ein sehr sicherer Ort und das soll auch so bleiben. Drittens: Nach dem blutigen Samstag gab es noch etwas – die Aktionen von Provokateuren. Wir fordern von der Miliz, diese Leute ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Stattdessen aber wurden neun Unschuldige verurteilt, die jetzt zu politischen Gefangenen geworden sind. Wir fordern die Freilassung dieser Menschen.

Denken sie, die gegenwärtige Führung hat eine Chance, diese Krise zu überstehen?

Ich zweifle daran. Wir stecken in einer sehr tiefen politischen Krise. Und die Frage ist: Wie kommen wir da raus. Die Antwort ist simpel: Wir brauchen einen kompletten politischen Neustart. In demokratischen Ländern sind das Neuwahlen. Wenn die Menschen dann diese Regierung wieder wählen, okay; wenn nicht, dann eben nicht.

Würden sie gerne eine führende Rolle in diesem, wie sie es nennen „Neustart“ spielen?

Ich spiele eine solche Rolle. Ich bin sehr aktiv. Nicht auf der Bühne auf dem Maidan, nicht als Redner. Aber ich denke, ich habe mein bestes getan, die Provokationen zu stoppen. Aber noch einmal: Das ist keine politische Aktion, das ist eine Aktion der Zivilgesellschaft. Und es ist sehr, sehr wichtig, dass wir uns die Friedfertigkeit dieses Protests bewahren. Wenn sie heute auf den Maidan gehen, werden sie keine betrunkenen Menschen sehen. Sie werden keine Menschen sehen, die einander schlagen. Das ist die Realität.

Sehen sie die Gefahr einer größeren Eskalation dieser gegenwärtigen Krise?

Natürlich. Es gibt zwei Optionen: Eine positive und eine negative. Positiv wäre ein politischer Neustart, negativ wäre der Einsatz von Gewalt. Und das wäre sehr gefährlich. Sehr gefährlich auch für die Regierung. Für das gesamte Land. Ich hoffe, dass die Entscheidungsträger soweit Herr ihrer Sinne sind, das nicht zuzulassen. Das ist der Grund, weshalb wir uns gegen die Provokateure gestellt haben. Um die Eskalation dieses Konflikts nicht zuzulassen.

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