Krieg spielen, aber in echt: Wie russische Kinder zur Waffe greifen müssen

Cossack youth undergo military training in the Rostov Region
Unter Putin müssen schon die Kleinen an der Waffe üben. Ihnen wird eingetrichtert, der Westen wolle Russland auslöschen. Der Pädagoge Dima Zicer ist vor dieser Umerziehung geflohen – und hat Angst vor den Folgen.

„Wenn ihr euer Land nicht liebt, dann haut ab. Dann seid ihr Parasiten“, sagt der Mann. Vor ihm sitzen Kinder, vielleicht acht, neun Jahre alt. Sie starren ihn an.

Unterricht in der Volksschule Nr. 1 in Karabasch, einer 13.000-Einwohner-Stadt am Südrand des Urals. Der Ort ist so verschmutzt wie kaum ein anderer der Welt, eine Kupferfabrik hat jahrelang die Erde verpestet, saurer Regen die Bäume zerfressen. Die Schule ist für die wenigen, die geblieben sind, ein Anker, sie gibt Erwachsenen Arbeit, Kindern Bildung.

Seit drei Jahren aber herrscht in den Klassenzimmern Krieg. Söldner treten vor Schülern auf, berichten vom Töten in der Ukraine, Lehrer erzählen von Vaterlandsliebe, dem Hass des Westens und der Notwendigkeit des Sieges. Die Kinder lernen Granaten werfen, Waffen auseinanderschrauben, zielen, schießen. Karabasch ist aber kein Ausreißer, sondern ein Modellfall: Seit der Invasion der Ukraine baut der Kreml das Hinterland systematisch zur Heimatfront um, macht aus Schülern kleine Soldaten.

Russian youths participate in military-patriotic games dedicated to Victory Day

Gasmaskentraining bei den „Patriotischen Spielen“.

Der Krieg im Kopf

Gefilmt hat diese Szenen Pawel Talankin, er war Lehrer in Karabasch und lebt heute im Exil, beäugt von Putins Spionen. Sein Dokumentarfilm „Mr. Nobody against Putin“ mit Kindern im Stechschritt und Lehrern, die kopflos mitziehen, gewinnt im Westen einen Preis nach dem anderen. In Russland wird er so bald nicht zu sehen sein.

Dabei macht der Kreml kein Geheimnis aus seiner Umerziehung, sagt Dima Zicer, die Soldatenkinder sind im Fernsehen, in der Zeitung, auf Werbetafeln zu sehen. Auch er war Lehrer, leitete eine Schule in St. Petersburg, eine alternative außerhalb des staatlichen Systems, ohne Noten und mit Schulparlament. Ein Konformist sei er nie gewesen, er hatte sogar eine eigene Radiosendung, sagte, was er wollte. „Sie ließen uns in Ruhe, und wir konnten uns in unsere Blase zurückziehen“, sagt er heute. Es klingt beinahe reuig.

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Dima Zicer war einst Lehrer, heute darf er nicht mehr nach Russland zurück.

2022 floh er, kurz nach der russischen Invasion in der Ukraine. Da wusste er, dass er mit diesem Land nichts mehr anfangen könne, sagt Zicer beim Videocall aus Tallin. Zwei Jahre später habe sein Land das auch bemerkt, seit 2024 wird er per Haftbefehl gesucht, ist für Russland ein „ausländischer Agent“, sagt er bitter. Eine Rückkehr in die Heimat ist damit unmöglich.

Wie es in Russland zugeht, weiß er von Kollegen, Freunden und Eltern. „Mittlerweile beginnen sie schon im Kindergarten“, sagt Zicer, dort gebe es auf Putins persönlichen Befehl jetzt auch Patriotismusstunden. „Da reden sie darüber, dass Russland von Feinden umzingelt ist, dass uns alle besiegen wollen.“ In einem Video, das ihm kürzlich zugeschickt wurde, sieht man Vier-, vielleicht Fünfjährige in Uniformen. Sie schreien „Krieg“, zielen mit Spielzeuggewehren, spielen Gefechte nach. Später tun sie, als würden sie Tote beerdigen. Die Mädchen zücken Taschentücher und weinen. „Es ist ein Albtraum.“

Ganz wie damals

Zicer erinnert das an die Hitlerjugend, aus gutem Grund. Alle totalitären Systeme setzen bei den Kleinsten an, weil das am effektivsten ist. Die Sowjets formten ihre „neuen Menschen“ in Schule und Komsomol, die Nazis hatten es perfektioniert. In Studien wurde belegt, dass der Großteil der damals Fünf- bis Sechsjährigen die NS-Ideologie bis an ihr Lebensende nicht loswurde – und an ihre Kinder weitergab.

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Das ist auch der Effekt, den Putin erreichen will. Sein Propagandabeauftragter, Ex-Kulturminister Wladimir Medinskij, schreibt mittlerweile selbst Schulbücher. Darin lernen Kinder, der Prager Frühling sei von der CIA initiiert worden oder dass die USA in der Ukraine Biolabore betreiben, um gezielt Russen zu ermorden. Im letzten Jahr wurde der verpflichtende Unterricht an der Waffe wiederbelebt, den gab es schon in der Sowjetzeit. Kinder ab 14 lernen nun zielen, schießen, Gasmasken überziehen. „Wenn man Kindern sagt, die wollen dich töten, deine Mutter, deinen Vater, dann greifen sie natürlich selbst zum Gewehr“, sagt Zicer.

Widerstand gibt es, aber er ist leise. 2023 gab der Staat noch Zahlen bekannt, da quittierten 193.000 Lehrer den Dienst, fast 14 Prozent der Lehrerschaft. Mittlerweile dürfte die Zahl gesunken sein, nicht jeder kann oder will ins Exil. Dazu verengt der Staat die Spielräume. Wer die von Putin verordneten „Gespräche über Wichtiges“ auslässt oder den Kurs der Regierung kritisiert, riskiert hohe Haftstrafen.

The Znaniye. Pervye (Knowledge: The First Ones) educational marathon

Wladimir Putin umarmt einen kleinen Jungen bei einer Veranstaltung der Jugendorganisation Junarmija.

Hinzu kommt juristischer Druck auf das seit Jahren unterfinanzierte System. Sechs Prozent der Schulen in Russland haben keine Toiletten, fünf keine Heizung. Doch wenn sich eine Schule den geforderten Schießstand nicht selbst finanziert, wird sie verklagt – und bekommt noch weniger Mittel.

Nur eine falsche Nachricht

Zur Angst vor dem Apparat kommt die Furcht vor Verrat. Der Staat belohnt jene, die andere verpfeifen, ein ganzes System der Denunziation sei so entstanden, sagt Zicer. Eine falsche Chatnachricht kann das ganze Leben verpfuschen.

Diesem Sog könne sich kaum wer entziehen. Die Wahrheit zu sagen, ist nicht möglich, darum glauben viele irgendwann die Lügen des Staates, aus Selbstschutz. Für die Kleinen sei das schwer zu begreifen: „Noch sind zwar nicht hundert Prozent der Kinder indoktriniert“, sagt Zicer, noch gebe es die, die dagegen halten. Aber wenn die Kinder aufhören, Fragen zu stellen, dann ist der Krieg gewonnen – nicht der an der Front, sondern der im Kopf.

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