Politik | Ausland
12.10.2018

Ukraine-Russland: Der Krieg der Kirchen

Patriarch Bartholomaios I., faktisches Oberhaupt der Orthodoxie, erkennt das Kiewer Patriarchat an - Moskau tobt.

Es ist die Anerkennung der Unabhängigkeit der Ukraine auf kirchlicher Ebene knapp 30 Jahre nach der politischen. Eine kleine Entscheidung: Das Patriarchat in Konstantinopel, oberste Instanz der Orthodoxen Kirchen, übernimmt die Führung des Kiewer Patriarchats, einer Kirche, die es nach orthodoxem Kirchenrecht an sich nicht gibt. Seit seiner Gründung 1992 war das Kiewer Patriarchat praktisch nicht mehr als eine nicht anerkannte Freikirche. Ihr Gründer, Patriarch Filaret Denisenko, war von Konstantinopel 1992 sogar exkommuniziert worden. Jetzt soll die Kirche die Unabhängigkeit zugesprochen bekommen und einen eigenen Patriarchen erhalten: Filaret Denisenko. Damit endet eine Phase von mehr als 300 Jahren, in denen das Territorium der Ukraine dem Moskauer Patriarchat zugesprochen war. Die Entscheidung von Konstantinopel darüber oblag letztlich Patriarch Bartholomaios I., dem faktischen Oberhaupt der Orthodoxen Kirchen.

Sein Beschluss ist einer mit riesiger politischer sowie historischer Tragweite. Die russisch Orthodoxe Kirche ist in der Ukraine flächendeckend vertreten – mit einem Schwerpunkt im Osten des Landes. Zwar bekennen sich landesweit gerade einmal um die 13 Prozent der Ukrainer zum Moskauer Patriarchat, rein seelentechnisch gesehen aber sind praktisch alle in den Jahren der Sowjetunion getauften Ukrainer russisch Orthodox. Eine andere Kirche existierte nicht. Die vor allem die im Westen vertretene, mit Rom unierte Griechisch Katholische Kirche war der Orthodoxen Kirche zwangsangegliedert worden. Ein Kiewer Patriarchat existierte es nicht.

Details der künftigen Regelungen Konstantinopels sind zwar noch nicht bekannt, aber kirchenrechtliche Praxis in der Orthodoxie ist es, dass auf dem Gebiet eines orthodoxen Staates keine zwei Kirchen unter dem Dach des Ökumenischen Patriarchats existieren dürfen. Im Rahmen dieser Praxis würde das Moskauer Patriarchat also jedes Recht darauf verlieren, in der Ukraine tätig sein zu können. Nachdem das Moskauer Patriarchat in vielerlei Hinsicht durchaus auch als außenpolitisches Werkzeug des Kreml tätig ist, stellt die Entscheidung einen massiven Einschnitt dar.

Kiew feiert, Moskau tobt

Das ist vor allem angesichts der Krieges zwischen der Ukraine und Russland in der Ostukraine und nach der Annexion der Krim durch Russland brisant. Politische Vertreter in Kiew feiern die Entscheidung Konstantinopels dementsprechend. „Das Imperium verliert einen der letzten Einflusshebel auf die ehemalige Kolonie“, so Präsident Petro Poroschenko. Für ihn ist die Anerkennung vor allem auch in Hinblick auf die Präsidentenwahlen im kommenden Jahr wichtig.

Anders tönt es aus Moskau. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow höchst persönlich warnte vor einer Anerkennung des Kiewer Patriarchats. „Wir sind sehr besorgt darüber“, so Peskow. Er wisse von einer harten und konsequenten Reaktion der russisch-orthodoxen Kirche auf die Entscheidung. Ein Vertreter des Moskauer Patriarchats nannte diese denn auch „katastrophal“. Schon vor einigen Wochen hatte die Führung der russischen Orthodoxie einen Bruch mit Konstantinopel in Aussicht gestellt, sollte das Kiewer Patriarchat anerkannt werden. Durch die Entscheidung werde jetzt eine Kirchenspaltung in der Ukraine legalisiert, heißt es jetzt.

 

Diese Spaltung allerdings existierte auch ohne den Sanktus Konstantinopels. Immer wieder hatten sich das Kiewer und das Moskauer Patriarchat in der Ukraine in den vergangenen Jahren offene Wettgebete geliefert, Aufmärsche organisiert, die zu Wettkämpfen darüber ausarteten, wer mehr Menschen auf die Straße bringt. Und das Moskauer Patriarchat bewies dabei durchaus Mobilisierungskraft.

Über die historische Dimension der Anerkennung allerdings wird erst die ganze Breite der Entscheidung deutlich. Denn die krempelt gleich mehr als 1000 Jahre Geschichte auf und greift direkt auf das Jahr 988 zurück. Kiew wurde zu dieser Zeit von einer heidnischen normannischen Dynastie regiert, die damals bereits seit Generationen mit Konstantinopel um die Vorherrschaft in der Schwarzmeerregion kämpfte. 988 entschied Fürst Wolodimir I. aus rein heiratstaktischen Gründen sich taufen zu lassen und damit sein Reich der Christenheit anzuvertrauen – was als Christianisierung der Rus (so der Name dieses Reiches) in die Geschichte einging. Bis ins 15. Jahrhundert war Kiew darauf hin das religiöse sowie intellektuelle Zentrum der Region.

Anspruch auf historisches Erbe

Wolodimir wird heute sowohl vom Moskauer wie auch vom Kiewer Patriarchat als Heiliger verehrt. Vor allem aber erheben beide Kirchen den Anspruch auf das historische Erbe Kiews als spirituelles Zentrum der ostslawischen Christenheit. Heute ist Kiew mit seinen historischen Stätten und vor allem Klöstern aus Sicht Moskaus durchaus so etwas wie eine heilige Stätte des slawischen Orthodoxie, die auch Pilger anzieht.

Das hat ganz direkte materielle Folgen: Trotz seiner kleineren Gefolgschaft was Kirchgänger angeht, hat das Moskauer Patriarchat die Hand auf den historisch wichtigsten Stätten in Kiew. Etwa dem Höhlenkloster Petscherska Lawra, einer kleinen Klosterstadt in der Stadt. Das Lawra-Kloster werden Moskaus Popen – das ließen sie immer wieder nicht nur dezent durchklingen – nicht ohne Konflikt aufgeben. Aber ebensowenig Kiew und die Ukraine im Allgemeinen.

Damit droht der Konflikt auf einen Bruch Moskaus mit Konstantinopel hinaus zu laufen. Denn die russische Orthodoxie, die im Russland Wladimir Putins zu einer politischen Macht angewachsen ist und finanziell bestens ausgestattete Zweigstellen in allen ehemaligen Teilrepubliken der UdSSR unterhält, sieht sich als slawische Mutterkirche – und als solche viel eher in direkter Konkurrenz zu Konstantinopel als zu einem künftig offiziell existierenden Kiewer Patriarchat.