Angelobung von Azow-Kämpfern in Kiew

© REUTERS/VALENTYN OGIRENKO

Ukraine-Konflikt
07/25/2014

Von Nazis und Ultra-Nationalisten

Der Krieg mobilisiert auf beiden Seiten dubiose Elemente.

von Stefan Schocher

W√§hrend sich Tausende aus den umk√§mpften Gebieten in der Ostukraine in Sicherheit bringen, ziehen die K√§mpfe dort Menschen eines besonderen Schlages an: S√∂ldner und Freiwillige, Abenteurer mit krausen Weltvorstellungen ‚Äď auf beiden Seiten dieses Konfliktes. Diese Woche meldeten russische Medien, pro-russische Separatisten h√§tten im umk√§mpften Lugansk einen schwedischen Freiwilligen gefangen genommen. Es handelt sich dabei um Mikael Skilt, einen bekennenden Neonazi, der nach eigener Darstellung in der Ukraine k√§mpft, um seine "wei√üen Br√ľder" gegen "zionistische Imperialisten" zu unterst√ľtzen. Er ist ausgebildeter Scharfsch√ľtze und k√§mpfte in den Reihen des Azow-Bataillons, einer Einheit der Nationalgarde, die dem Innenministerium untersteht.

Die Nationalgarde besteht aus einer Vielzahl an Einheiten, die sich aus Freiwilligen rekrutieren, vom Innenministerium ausger√ľstet, trainiert und zur Unterst√ľtzung der maroden Armee eingesetzt werden.

Das Azow-Bataillon aber nimmt eine besondere Rolle ein ‚Äď und eine, die besonnenen Ukrainern zunehmend Sorgen bereitet. Es ist wohl kein Zufall, dass ein schwedischer Neonazi genau hier ankn√ľpfte. Angelobt werden die K√§mpfer der Einheit unter der gelb-schwarzen Runen-Fahne der Organisation "Sozial-Nationaler Zusammenschluss" (SNA), eine Neonazi-Gruppe, die offen "Herrenrassengedanken" pflegt.

Kriegsblind

Der Link der Organisation zum politischen Establishment ist dabei Oleg Ljaschko, der bei den Pr√§sidentenwahlen 8,3 Prozent erreichte. Auf der Liste seiner "Radikalen Partei" f√ľr den Stadtrat von Kiew stehen gleich vier Mitglieder der SNA. Auf einem Video ist Ljaschko zudem zu sehen, wie er einen gefangenen Separatisten misshandelt. Zwar besteht das Azow-Bataillon nicht nur aus SNA-Mitgliedern, die Kommandantenebene aber rekrutiert sich durchwegs aus deren R√§ngen sowie der Skinheadgruppe "Misanthropic Division".

Das allgemeine politische Chaos und die Kriegswirren setzen sich auch in der Berichterstattung ukrainischer Medien fort. Die Schattierungen und Graut√∂ne des Begriffs "Patriotismus" gehen dabei teils verloren. Und so sind es zuweilen die liberalen Medien-Aush√§ngeschilder der Revolution wie Hromadske-TV, die mehr als unkritisch √ľber die anti-demokratische Ideologie der Azow-Kommandanten berichten. So sa√ü ein Befehlshaber des Bataillons einmal mit Leibchen mit der Aufschrift "Black-Corps", Schwarzes Korps, im Studio. "Das Schwarze Korps" war die Zeitung der SS.

Auf der anderen Seite dieses Konflikts, in Russland, wird das gen√ľsslich ausgeschlachtet ‚Äď wenngleich nicht weniger dubiose Gestalten und Ideen hinter dem pro-russischen Aufstand stehen. Da ist etwa der Milit√§rchef der Separatisten, Igor Girkin, ein aus Moskau stammender Militarist und Monarchist mit angeblich besten Verbindungen zu Russlands Milit√§rgeheimdienst GRU. Unter seinem Kommando stehen neben tschetschenischen S√∂ldnern vor allem russische Ultra-Nationalisten, Traditionalisten, Kosaken sowie einige lokale K√§mpfer. Was Letztere vereint, ist der 2006 vom russischen Ultra-Nationalisten Mikhail Smolin gepr√§gte Begriff der "russischen Einheit", der zufolge die Ukraine eine "Krankheit" und Ukrainer an sich "s√ľd-russische Separatisten" sowie "Verr√§ter an der orthodoxen Zivilisation" seien. Und in dieser Art werden schon gem√§√üigte ukrainische Patrioten in russischen Medien dargestellt ‚Äď und diese stellen in den R√§ngen der ukrainischen Kr√§fte nach wie vor die breite Mehrheit.

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