Winter als Waffe: So hilft Österreich Zivilisten in der eiskalten Ukraine
Im kalten Sonnenlicht ragen auf dem Kiewer Maidan-Platz tausende Flaggen aus dem Schnee, sie tauchen die dunklen Pflastersteine in die Nationalfarben der Ukraine - Blau und Gelb. Es ist ein provisorisches Denkmal, jede Flagge steht für einen gefallenen Soldaten. Darunter haben die Angehörigen Fotos der Getöteten hinterlassen - die meisten sehen aus wie Jugendliche. Sie hatten ihr Leben noch vor sich, eigentlich.
Fast vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion ist der Krieg in der ukrainischen Hauptstadt längst Teil des Alltags geworden. Am Freitag nimmt sich die Stadt trotzdem Zeit für etwas Trauer. Es ist der Gedenktag der sogenannten “Himmlischen Hundertschaft” - jenen 108 Personen, die vor zwölf Jahren bei den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan von Sicherheitskräften getötet wurden.
Meinl-Reisinger mit vier Parlamentsabgeordneten zu Besuch
Neben dutzenden Ukrainern legt auch Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger auf dem gegenüberliegenden Hügel einen Kranz nieder, um im Namen Österreichs jener zu gedenken, “die hier damals den Weg der Ukraine nach Europa geebnet” haben. Wenige Wochen nach den Maidan-Protesten fiel Russland 2014 auf der Halbinsel Krim ein - es war das Vorspiel des heutigen Krieges. Über der Stille der Trauernden liegt ein lautes Brummen - die Notstromgeneratoren der umliegenden Wohnhäuser.
Die Außenminister Meinl-Reisinger (Österreich) und Andrii Sybiha (Ukraine) legen einen Kranz am Gedenktag der "Himmlischen Hundertschaft" in Kiew nieder.
“Die Ukraine erlebt gerade den kältesten Winter seit Jahrzehnten. Ältere Menschen erfrieren in ihren Wohnungen”, sagt Meinl-Reisinger. Es ist ihr vierter Ukraine-Besuch als Außenministerin, der zweite in Kiew. Begleitet von Parlamentsabgeordneten der ÖVP, SPÖ, Neos und Grünen wolle sie “ein Zeichen der Unterstützung setzen, denn die russischen Angriffe finden gerade mit einer ungeheuerlichen Brutalität statt, trotz laufender Friedensverhandlungen”.
Mehr als eine halbe Million Menschen in Kiew ohne Heizung
Inmitten einer rostigen Stahl- und Gerüstlandschaft im Osten Kiews wird das besonders deutlich. Hier tapst ein junger Streuner über Glasscherben, vorbei an zwei verbeulten Gasspeichern, ihr Dämmmaterial freigelegt wie Schimmelbefall. Es ist das Gelände eines der größten Gaskraftwerke der Stadt. Alleine in den letzten vier Monaten wurde es 27 Mal von russischen Raketen getroffen. Und doch steigt aus dem gewaltigen Schornstein immer noch Rauch auf.
Im Inneren verrichten die Arbeiter bei klirrender Kälte ihren Dienst. An der Decke der Hauptkammer klafft ein riesiges Loch, die Geräte und Rohre sind mit Schnee und Staub bedeckt, von Stromkabeln hängen Eiszapfen. Trotz alledem muss das Kraftwerk am Laufen gehalten werden, damit die Versorgung nicht völlig zusammenbricht.
Bei zweistelligen Minusgraden leben alleine in Kiew derzeit mehr als eine halbe Million Menschen ohne Heizung. Seit Beginn der Heizsaison Anfang Oktober hat die russische Armee mehr als 250 Luftangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur durchgeführt, mehr als 5.300 mehrstöckige Wohnhäuser waren zwischenzeitlich davon abgeschnitten, heute sind es noch immer mehr als 1.000.
Eine Wärmestube des Roten Kreuzes im Osten Kiews.
Einen solchen Wohnblock besucht die Delegation im Bezirk Dniprovs’ky. Zwischen mehreren, 16-stöckigen Plattenbauten steht hier ein Zelt des Roten Kreuzes - es ist eine von rund 100 Wärmestuben in der Stadt, mitfinanziert vom österreichischen Projekt “Nachbar in Not”. Hier können die Hausbewohner sich aufwärmen, ihre mobilen Geräte an Generatoren laden, Tee trinken und Suppe essen. “Heute ist wenig los, weil die Sonne scheint”, sagt der Helfer Maxim Dotsenko. Doch später werde das Zelt, wie an jedem Abend, voll sein: “Ich erinnere mich an keinen so kalten Winter in den letzten zehn Jahren.”
Pressekonferenz zwischen Sandsäcken und Drohnen
Auch im ukrainischen Außenministerium macht sich die mangelnde Energieversorgung bemerkbar. Als die Österreichische Delegation dort eintrifft, liegt das imposante Gebäude im Halbdunkel: Der Strom ist ausgefallen, wenn auch nur für ein paar Sekunden, bis der Notstromgenerator anspringt.
Der Krieg ist auch hier allgegenwärtig: Vor jedem Fenster türmen sich Sandsäcke, auf der Toilette ist für Notfälle ein großer, blauer Wasserkanister aufgestellt. Ein Empfangsraum dient gleichzeitig als Ausstellungssaal für das moderne Drohnenarsenal der Ukraine: Die mit sechs Propellern und vier Bomben ausgestattete Flugdrohne “Vampire” steht hier ebenso zur Schau wie unbemannte Fahrzeuge und eine gewaltige Seedrohne.
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (mitte) begutachtet die "Vampire"-Drohne im Kiewer Außenministerium.
Hier trifft Meinl-Reisinger ihren Amtskollegen Andrii Sybiha, anschließend geben die beiden zwischen den ausgestellten Waffensystemen eine Pressekonferenz. Sybiha bedankte sich im Namen der Ukraine für “Österreichs Hilfe bei der Überwindung der Folgen des Winters”, konkret für die Lieferung tausender Stromgeneratoren und Transformatoren. Diese werden von der in Wien ansässigen internationalen Organisation Energy Community angekauft und geliefert, finanziert unter anderem durch Spenden der Bundesregierung. Seit Kriegsbeginn kamen so 15,5 Millionen Euro zusammen.
“Österreich ist militärisch neutral, aber nicht politisch”, erklärte Meinl-Reisinger. “Wir schauen nicht weg, wenn das Völkerrecht gebrochen wird, Zivilisten bedroht werden und unsere Nachbarn in Not sind.” Die indirekte humanitäre Hilfe für die ukrainische Bevölkerung werde deshalb fortgesetzt: Im Jänner gab die Bundesregierung weitere drei Million Euro an Hilfsgeldern für die Ukraine frei. Dieses Geld fließt nicht direkt nach Kiew, sondern zu je einer Million an drei internationale Hilfsorganisationen: UNHCR, Unicef und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK).
Meinl-Reisinger rechnete vor: “Österreich gibt derzeit rund vier Mal so viel für ukrainische Flüchtlinge im Inland aus wie für Auslandshilfe in der Ukraine. Die Kosten werden also steigen, wenn Russland diesen Krieg gewinnt.”
EU-Beitritt für die Ukraine? "Brauchen ein realistisches Szenario"
Natürlich sprachen die beiden Minister auch über einen möglichen künftigen EU-Beitritt der Ukraine. Ein solcher könnte ja aus Sicht der ukrainischen Regierung als geforderte Sicherheitsgarantie dienen - im Fall eines Friedens oder Waffenstillstandsabkommens würde eine EU-Mitgliedschaft das Land vor einem neuerlichen Angriff Russlands schützen. Moskau lehnt die Idee folglich ab, ebenso wie die USA und einzelne EU-Mitgliedsstaaten (Ungarn).
Meinl-Reisinger hält einen möglichen EU-Beitritt grundsätzlich für “richtig”, aber: “Wir brauchen ein realistisches Szenario, das von allen 27 Mitgliedsstaaten mitgetragen werden kann. Und wir dürfen andere Beitrittskandidaten nicht verprellen.”
Beate Meinl-Reisinger traf auch auf den Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko (links).
Angesprochen auf den kürzlich vom ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij geäußerten Wunsch, bis 2027 Teil der EU zu werden, meinte Sybiha vielsagend: “Wir betrachten den Zeitrahmen als wichtigen Bestandteil der Friedensverhandlungen mit Russland.” Seine Regierung habe Verständnis dafür, “dass die Ukraine erst den Kriterien entsprechen muss, aber wir sind bereit, Reformen anzugehen.”
“Die Ukraine ist ein Teil Europas, und sie wird irgendwann auch politisch zu Europa gehören”, sagte Sybiha. “Dafür haben die Helden der himmlischen Hundertschaft vor zwölf Jahren ihr Leben geopfert.” Viele weitere opfern seit vier Jahren täglich ihr Leben dafür - an der Front ebenso wie in den eigenen vier Wänden.
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