Bewohner des kleinen Dorfes Gnutowe im Südosten der Ukraine müssen täglich mit den Granaten leben. Manche schlagen im Dorf ein

© /Stefan Schocher

Reportage
02/29/2016

Ukraine: Donnergrollen als Begleitmusik

1,4 Mio. Menschen sind im Inland auf der Flucht. An der Front Gebliebene (über)leben von Tag zu Tag.

von Stefan Schocher

Es ist ein lauer Tag, zu lau für einen Wintertag, die Sonne scheint, es grollt in der Ferne. Immer wieder. Es ist kein Wintergewitter, das da heranzieht. Es ist ein Artilleriegefecht. An einem anderen Frontabschnitt. Und so geht hier in Gnutowe eine ältere Frau unbeeindruckt mit einem vielleicht vier Jahre alten Mädchen die Dorfstraße entlang. Die letzten ukrainischen Positionen sind am östlichen Ortsrand, bis in die von pro-russischen Milizen gehaltenen Gebiete sind es wenige hundert Meter. Auf einem Hügel westlich des kleinen Dorfes steht die ukrainische Artillerie, sagt ein Bewohner. Wenn es zur Sache geht, dann fliegen die Granaten im besten Fall über dem Dorf hin und her. Wenn es nicht so glatt läuft, dann schlagen sie im Dorf ein.

Ausgestorben

1400 Menschen lebten in Gnutowe einmal. 800 sind geblieben. Der Rest ist ausgewandert. Viele ins nahe Mariupol, andere weiter weg, nach Zaporishja oder Dnipropetrowsk. Die Schule ist geschlossen. Die kommunalen Einrichtungen arbeiten auf Minimal-Level. Strom gibt es nicht mehr. Es mangelt an Heizmaterial, Medizin, aber vor allem auch Alltagsgütern wie Nahrung oder Decken.

Marta liebt Blumen. Die 75 Jahre alte Frau steht in ihrem Häuschen mit den Stuckdecken, stellt ihre grünen Schätze vor, lacht, weint, erzählt von prachtvollen Blüten und Granateneinschlägen.

Durchs Wohnzimmer zieht sich ein Riss. Das war eine Granate, im vergangenen Winter. Sie hat es gerade noch in den Keller geschafft. "Überall Rauch; überall Feuer", sagt sie. Tage haben sie im Keller verbracht. "Tagelang haben sie geschossen", sagt Marta. Ihr Mann starb vor zehn Jahren, ihre zwei Töchter sind weggezogen. Sie ist noch da, pflegt das Haus mit dem Riss in der Wand, das sie mit ihrem Mann in den 70er-Jahren gebaut hat, pflegt die Blumen, hofft auf viele Blüten und weniger Granaten.

Eine Frau, ein paar Häuser weiter, sagt: "Wir sind wie kleine Insekten vor diesen Waffen." Krieg, das sei "Tod, Blut und Zerstörung". Sie kenne die Kriegsgeschichten ihrer Eltern, dass ihr das aber selbst einmal passieren werde, habe sie nie erwartet. Und jetzt? Überleben von dem, was NGOs bringen.

2,50 Euro pro Tag

Schauplatzwechsel: Dnipropetrowsk. Eine Plattenbausiedlung am Rand der Stadt. Dazwischen Container auf einem Schotterbett. Ein Spielplatz. 300 intern Vertriebene (IDPs) leben hier. Tanya ist eine von ihnen. Mit ihrem Mann und den drei Töchtern bewohnt sie zwei Zimmer in einem der Container. Als der Artilleriebeschuss begonnen hat, sind sie weg. 750 Griwna (25 €) Miete zahlen sie für die bescheidene Unterkunft. Das geht sich mit staatlichen Hilfen zusammengerechnet gerade einmal noch aus. Ihr Mann hat Arbeit auf einem Markt gefunden. Das bringt 80 Griwna (ca. 2,50 €) pro Tag ein. Hinzu kommen hie und da Lebensmittelhilfen oder Sachspenden. In zwei Jahren müssen sie ausziehen. Was danach passieren wird, kann sie nicht sagen.

Andere Menschen aus dem Osten der Ukraine sind in leer stehenden Wohnheimen untergekommen. Vier Menschen zusammengepfercht in einem kleinen Zimmer. Ohne Aussicht auf eine Arbeit, die eine Miete einbringen könnte. Und damit ohne Aussicht auf ein Leben mit Privatsphäre. Vor allem aber auch: ohne reale Aussicht auf eine Rückkehr.

1,4 Millionen Menschen sind laut UNO innerhalb der Ukraine auf der Flucht. 1,7 sind es laut Regierung in Kiew. Das ist auch die Zahl, mit der Hilfsorganisationen arbeiten. Das stellt die Behörden vor eine nahezu unbewältigbare Herausforderung. Vor allem angesichts der Wirtschaftskrise. Die schafft zusätzliche Probleme, wenn es darum geht, Arbeitsplätze und damit eine dauerhafte Integration der intern Vertriebenen zu gewährleisten. Nicht selten kommt es zu Spannungen. Und sehr oft sind es vor allem Frauen und Kinder, die aus den Kriegsgebieten geflohen sind, während ihre Männer in den besetzten Gebieten ihren bisherigen Tätigkeiten nachgehen, soweit das noch geht. Sehr oft aber – und auch das ist zu einem Massenschicksal geworden – sind die Männer schlicht und einfach abgetaucht und verschwunden. Die Folge: alleinstehende Mütter, die mit kleinen Kindern vor dem Nichts stehen.

Es gibt zwar Kindergarten- und Schulplätze und staatliche Beihilfen für IDPs, aber wer auf staatliche finanzielle Beihilfen angewiesen ist, kommt auch mit jeder drei Mal umgedrehten Kopeke nicht über den Monat. Was der Staat nicht leisten kann, leisten dann Zivilgesellschaft und internationale Hilfsorganisationen.

Bleiben als Einstellung

Für die Betroffenen im Landesinneren wie Tanya ist es ein Leben von Lebensmittelration zu Lebensmittelration, mit unklarer Zukunft, wie lange man durchhalten wird müssen. Für die Menschen an der Front, für die das Donnergrollen zur bedrohenden Begleitmusik des Alltags geworden ist, ist das Bleiben zu einer Lebenshaltung geworden.

Martas Nachbarin hat Verwandte in Mariupol, die haben sie eingeladen, zu kommen. Sie aber sagt: "Ich will niemandem zur Last fallen." Als der schwere Artilleriebeschuss begann im Winter vor einem Jahr, ist sie im Haus geblieben, nicht in den Keller gegangen, hat gebetet und gehofft, in eine Mauerecke gekauert. Tagelang. Und gewissermaßen bis heute.

Kleine Öfen für den Winter

Die Caritas hat im Vorjahr ihr Netzwerk in der Ukraine massiv ausgebaut. Im Fokus stehen Menschen nahe der Frontlinie sowie intern Vertriebene im gesamten Land – vor allem Kinder. Dabei ergeben sich ganz unterschiedliche Problemfelder. Nahe der Kontaktlinie fehlt es an allem.

Die Wirtschaft in der Region ist am Boden. Es mangelt an Nahrung, Heizmaterial, medizinischer Versorgung. Die Caritas hilft mit Lebensmitteln, Sachspenden für den Winter wie Decken, Öfen, Baumaterial sowie Apothekengutscheinen, um der massiven medizinischen Unterversorgung entgegenzuwirken. Dabei ist weniger die Verfügbarkeit von Arznei ein Problem, als ihr Preis – viele Menschen nahe der Front leben von rund 50 Euro pro Monat. In Kooperation mit einem lokalen Kleinunternehmen werden Heizmaterial und Öfen zur Verfügung gestellt.

Katastrophal ist die Lage nicht nur an der Front: Weiter im Landesinneren reichen staatliche Hilfen kaum aus, um eine Miete zu zahlen oder die nötigsten Ausgaben zu decken. Aufgrund der Wirtschaftslage gibt es kaum Arbeit – das aber bei steigenden Preisen wegen der Inflation. Zudem haben viele intern Vertriebene keine gültigen Papiere, was legale Arbeit erschwert. Die Caritas stellt Nahrungsmittel, Bargeld für Lebensmittel und in ihrem Netzwerk von Gemeindezentren psychologische Hilfe für traumatisierte Kinder und Jugendliche bereit.

www.caritas.at

Caritas-Spendenkonto: Erste Bank IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560, BIC: GIBAATWWXXX; Kennwort: Kinder in Not

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