Militärisches Training als Antwort auf die Kriegsangst: Der Kurs in einer Schule in der westukrainischen Stadt Ternopil ist gut besucht

© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
12/08/2014

Ukraine: Auch der Westen bereitet sich vor

"Wir werden kämpfen, wenn wir müssen": Noch herrscht nur im Osten Krieg. Doch im Westen will man bereit sein.

von Stefan Schocher, Jürg Christandl

Die Schule Nummer 2 in einem Vorort von Ternopil. Es ist Abend. Mykola versammelt im Turnsaal der Schule seine Leute um sich. Sie kommen mit großen Rucksäcken, Karabinern am Gürtel und Kampfstiefeln. Einige haben ihre Waffen dabei. "Soldaten" nennt er sie. Auf seinem geschorenen Kopf trägt er einen Kosaken-Haarschopf. An sich ist er ein stiller Kerl mit einem leisen Schmunzeln auf den Lippen. Jetzt brüllt er in militärischem Ton, wirft eine Granate. Seine "Soldaten" werfen sich auf den Boden. Mykolas Assistent schießt mit einer Platzpatrone in die Luft. "Schütze dein Haus" nennt sich die Gruppe – militärisches Training für jedermann sozusagen. Turnunterricht in militärischer Kleidung mit Kalaschnikows.

Mykola war einmal Trainer einer Spezialeinheit der Armee. Jetzt sind es Grafiker, Bankangestellte, Studenten, Softwaretechniker oder Volksschullehrerinnen, die sich hier eingefunden haben, um von ihm den Umgang mit Waffen zu lernen und sich militärisch ausbilden zu lassen. Sie balancieren über Turnbänke, üben das Bewegen in Gruppen, Teamgeist, Reflexe und Erste Hilfe. All das für einen Fall: Sollte "Putin seine Truppen auch hierher schicken."

Von Ternopil in den Donbass sind es rund 1000 Kilometer. Aber der Krieg ist auch hier angekommen, in Galizien in der Westukraine. "Wir wollen vorbereitet sein", sagt Yaroslaw, ein lokaler Unternehmer, der die Gruppe unterstützt. Die Gruppe finanziert sich selbst und durch lokale Spender wie Yaroslaw. Unterstützt wird sie durch ein Netzwerk von Aktivisten. Geld vom Staat gibt es nicht. "Wir haben zwei Feinde", sagt Mykola, der im Brotberuf japanische Kampfsportarten und fernöstliche Malkunst unterrichtet: "Putin und die Werchowna Rada", das Parlament in Kiew. Er betont Putin – nicht Russen an sich. Die könnten nichts für ihren Präsidenten. Letztlich ist er selbst halb Russe. Geboren wurde er in Russland, sein Vater ist Russe. Und die Rada? Weil sie nichts tue und die Abgeordneten nur an sich selbst denken würden. "Kriminelle" seien das.

Krieg erfasst die ganze Gesellschaft

Schauplatzwechsel: In einem kleinen Lagerhaus nahe dem Zentrum türmen sich Säcke mit Nudeln, Reis, Konserven, Einmachgläsern, Decken, Schlafsäcken, Schuhen, Winterkleidung – "Güter für die Jungs an der Front", sagt Christina, eine junge Frau, Koordinatorin der Sammelstelle. Die Sachen gehen an Freiwilligenbataillone ebenso wie an die Armee. Hektisches Treiben. Morgen sollen einige Autos beladen mit Waren in den Donbass fahren, um Güter an bestimmte Einheiten zu verteilen. Eine alte Frau kommt mit einer karierten Plastiktragetasche, legt eine Stange Zigaretten, einige Boxershorts und T-Shirts auf den Tisch. Ein junger Mann mit dickem Vollbart bedankt sich, legt der Dame den Arm auf die Schulter und versucht ihr zu erklären, dass das nicht genau das ist, was man bei minus 20 Grad braucht. "Ich weiß", sagt die Dame mit wässrigen Augen. "Aber besser eine Unterhose zu viel als eine zu wenig."
Was vor einem Jahr als Revolution begonnen hat, mit beispiellosem Einsatz Hunderttausender, ist zu einem Krieg geworden, hat eine ganze Gesellschaft erfasst. Hat sie in Ausnahmezustand und auch in Angst versetzt. Sammelstellen wie jene in Ternopil finden sich in jeder noch so kleinen Stadt in der Ukraine. Gruppen wie jene Mykolas ebenso. Betrieben von ganz verschiedenen Organisationen oder lokalen Initiativen. In Ternopil versteht man sich als politisch völlig unabhängige Gruppe.

"Nehmen die Dinge in die Hand"

"Wir nehmen die Dinge in die eigene Hand", sagt ein junger Mann, einer von Mykolas Schützlingen, ein Softwareunternehmer. Auf die Regierung, so meint er, könne man nicht vertrauen. 23 Jahre ist der ukrainische Staat alt. 23 Jahre, zwei Revolutionen, ein Krieg – an Korruption und Nepotismus hat das wenig geändert. Die Folge, wie es ein schmächtiger junger Mann in Mykolas Trainingsgruppe auf den Punkt bringt: "Ich hasse Politik, ich liebe mein Land – und ich werde meine Freunde, meine Familie, meine Stadt verteidigen, wenn es sein muss. Vor wem auch immer. Ob vor Kriminellen oder vor grünen Männchen – ich will vorbereitet sein." Mykola betont dabei: "Es ist nicht so, dass wir kämpfen wollen – aber wir werden, wenn wir müssen."

Igor hat nicht aufgepasst, Igor muss jetzt Liegestütze machen. 20 an der Zahl. Und bei jedem einzelnen brüllt er: "Ich mache nichts ohne Kommando." Mykola ist ein harter Trainer. Es ist kein militaristischer Spaß-Turnverein, den er hier leitet, und die Männer und Frauen unter seinem Kommando nehmen die Sache ernst. Auch er nimmt seine Sache ernst. Sehr ernst. Ungehorsam oder Unaufmerksamkeit kann er nicht ausstehen – "weil sie im Ernstfall alle anderen in Gefahr bringen."

Was Mykola tut, ist nichts anderes, als seine Leute auf einen Krieg vorzubereiten, der in seiner und ihrer Sicht jederzeit ausbrechen könnte hier. "In zwei Tagen könnte die russische Armee in Ternopil sein", sagt er. Russische Einheiten stünden in Weißrussland bereit, um aus dem Norden anzugreifen. Er ist überzeugt, dass das keine theoretische Möglichkeit ist, sondern eine reale Gefahr. Die ukrainische Armee sei im Osten konzentriert, der Westen ungeschützt.

Wie er denken viele. Hunderte Menschen haben Mykolas Trainingskurse belegt. Wochentags kommt ein harter Kern von 15 bis 20 Personen. An Samstagen sind es immer wieder einmal um die 80 und mitunter müssten sie Leute heimschicken, weil es zu viele seien. Sie trainieren für einen Partisanenkrieg, für einen Aufstand im Untergrund wie in den 50er-Jahren gegen die Sowjets. "Noch sind sie nicht so weit", sagt Mykola. "Das sind noch keine Soldaten – aber sie sind auf dem Weg und sie sind motiviert."

Das Training ist nach zweieinhalb Stunden vorbei. Die Teilnehmer stellen sich in einem Kreis auf, legen einander die Arme auf die Schultern, stecken die Köpfe zusammen. Auch ein Mann in Militärkleidung, der die vergangenen Stunden nur still zugesehen hat, gesellt sich dazu. Er war im Osten. Hat gekämpft. Es gibt Nachrichten von der Front. Mykola hat seinen militärischen Tonfall abgelegt, er spricht leise: Es gab Tote heute bei einem Angriff auf einen Checkpoint. Viele Tote. Schweigen.

Im Zentrum Ternopils steht auf dem Hauptplatz ein kleines Mahnmal für die Gefallenen der kleinen Stadt. Sechs Bilder hängen da. Sechs Namen, sechs Geburtsdaten, sechs Sterbedaten. Daneben jagen kleine Kinder in dicken Skianzügen Tauben. Spazieren Pärchen Hand in Hand. Jeden Tag sterben Menschen.

Schweigen. Dann brüllt Mykola in den Kreis: "Es lebe die Ukraine." Und wie aus einem Mund die Antwort: "Die Helden leben."

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