Politik | Ausland
02.12.2017

Überleben in Venezuela: Ein Handy für 95 Millionen Bolivar

Hyperinflation und Versorgungskrise führen zu Chaos und Tristesse im Alltag. Ein KURIER-Lokalaugenschein.

Ein paar Meter vor der Grenze warten die Geldwechsler. Die venezolanischen Bolivar gibt es in abgepackten Bündeln mit 1000er- und 5000er-Noten. Fast alle Venezolaner, die für einen Tag über die Grenze kommen, tauschen kolumbianische Pesos gegen die Währung aus dem Heimatland.

Natürlich schwarz, denn nur damit ist der Kampf gegen die gigantischen Preise jenseits der Grenze zu gewinnen.

Für den ersten Kampf in der vorweihnachtlichen Hektik braucht es allerdings keine Geldscheine, sondern einfach nur ein paar Stunden Geduld. Es gibt wieder einmal keinen Sprit in San Cristobal.

Kilometerlang sind die Schlangen vor den Tankstellen, die an diesem Sonntag geöffnet haben. Eine Handvoll mit Maschinengewehren bewaffnete Militärs bewachen Venezuelas kostbarsten und einzigen Schatz.

Benzin-Schmuggel

Eine Tankfüllung kostet umgerechnet nicht einmal einen Euro. Und das ist das Problem. Der in Venezuela dank staatlicher Subventionen fast kostenfreie Sprit wird tonnenweise geschmuggelt.

Einige speziell dafür ausgelegte Fahrzeuge mit versteckten Extra-Tanks und Dealer mit guten Beziehungen zu den Tankwarten warten darauf, dass das Benzin in die Autos gepumpt wird. Das Militär schaut weg, der Tankwart spielt mit und alle halten die Hand auf.

Auf der anderen Seite der Grenze wird die Tankfüllung für kolumbianische Pesos verkauft. Und die werden dann wieder auf dem Schwarzmarkt zu einem guten Kurs gegen die venezolanischen Bolivars getauscht.

Der Schmuggel und die sinkende Produktion der maroden Petro-Industrie sind daran schuld, dass die Venezolaner oft Stunden in der Warteschlange vor den Tankstellen verbringen. Und das im ölreichsten Land der Welt.

Lohn reicht für zehn Cappuccino

Die Versorgungskrise ist auch in San Cristobal an allen Ecken greifbar. Während vor dem Supermarkt "El Garzon" die Menschen vor verschlossener Türe warten müssen, bis zumindest ein paar Regale mit dem aufgefüllt werden, was es gerade gibt, steht bei der Konkurrenz im "La Parada" wenigstens eine Handvoll Produkte.

Doch ein Spaziergang offenbart auch hier das Drama. Die Regale eines Ganges sind komplett leer, eine Reihe weiter gibt es nur Klopapier für 48.000 und Kekse für 30.000 Bolivar.

Doch selbst das Wenige, was "La Parada" zu bieten hat, ist unbezahlbar. Denn der aktuelle Mindestlohn liegt bei 177.507,43. Das reicht nicht einmal für vier Rollen Klopapier. Oder für zehn Cappuccino im schmucken Einkaufszentrum "Sambil", eine knappe halbe Autostunde weiter – wenn es denn Cappuccino gäbe, es fehlt die Milch.

Also bleibt es bei einem wässrigen Mokka für 18.000 Bolivar. Trotzdem ist das Einkaufszentrum gut besucht. Es sind auffällig viele Militärs hier, die ihre attraktiven Frauen zum Shoppen ausführen.

Militärs als Gewinner

Ranghohe Armeeangehörige stehen auf der Gewinnerseite in Venezuela, denn sie sind wichtig für den Machterhalt der sozialistischen Regierung von Präsident Nicolas Maduro. Doch auch für sie ist ein Original-Trikot von Bayern München mit dem Schriftzug "James" für rund zwei Millionen Bolivar auf legalem Wege nicht zu bezahlen. Und schon gar nicht das Smartphone Galaxy Note 8, das für 94,5 Millionen Bolivar zu haben ist, oder das Smart-TV UHD 65 für rund 124,5 Millionen Bolivar.

Für das Original-Bayern-Trikot müsste ein Arbeiter mit Mindestlohn rund ein Jahr arbeiten, für das Galaxy Note 8 sogar 48 Jahre. Und trotzdem gibt es hier Käufer für die Hochpreisware. Der Schmuggel ist eben ein einträgliches Geschäft.

Eine Etage tiefer versucht sich die Apotheke "Farmatodo" an einer optischen Täuschung. Weil die Hälfte der Regale leer ist, werden sie einfach in einem rechten Winkel umgeknickt. Dadurch entsteht zwar ein halb leerer Raum im hinteren Bereich, doch der ist nicht mehr zu sehen.

Im verbleibenden Rest werden die vorhandenen Medikamente so gestapelt, dass zumindest die Regale voll erscheinen, auch wenn es fast nur die gleichen Produkte sind. Omneprazol, ein Medikament zur Magenschonung, gibt es für 80.000 Bolivar, fast die Hälfte eines Mindestlohns. Unerschwinglich.

Eigenproduktion zusammengebrochen

Aufpasser wachen darüber, dass niemand Bilder von den langen Schlangen vor den Supermärkten macht. Denn eine Versorgungskrise gibt es in Venezuela nach offizieller Darstellung nicht. Nur einen Wirtschaftskrieg neoliberaler Kräfte gegen die Revolution. Venezuelas Regierung sieht sich als Opfer der USA, die sind allerdings einer der wichtigsten Ölkunden des Landes.

Venezuelas Absturz liegt einerseits im Niedergang des Ölpreises begründet, andererseits auch im radikalen Kurs gegen jedwedes private Unternehmertum. Konnte Maduros Vorgänger Hugo Chavez noch zu Zeiten des hohen Ölpreises nahezu alle Produkte teuer importieren und dann subventioniert unter die Leute verteilen, ist ohne die Öleinnahmen ein Import nicht mehr möglich. Die Eigenproduktion ist wegen der Hyperinflation komplett zusammengebrochen.

Viele setzen sich ab

Die Konsequenzen sind am Ende eines erschütternden Einkaufstages bei der Rückkehr über die Grenze zu sehen: Mehr als 2000 Venezolaner haben an diesem Tag die Grenzbrücke Simon Bolivar überquert. Die meisten haben Tränen in den Augen und einen Koffer in der Hand. Sie wollen einfach nur noch weg, weil das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht. Allein in Kolumbien ist die Zahl der Venezolaner in den vergangenen 18 Monaten auf 450.000 Personen gestiegen.