Politik | Ausland
02.08.2018

Türkei auf Pleitekurs - dafür ist der Urlaub billig wie nie

Die Touristen sind zurückgekehrt. Dafür können viele türkische Firmen ihre hohen Dollar-Schulden kaum noch stemmen

Putschversuch, Ausnahmezustand, Terrorgefahr, Erdoğan-Politkrise, Özil-Debatte: Wenn es um den Urlaub geht, ist all das rasch wieder vergessen. Besonders dann, wenn günstige Angebote locken.

Wer keine wirklich hohen Ansprüche hat, findet aktuell Last-minute-Angebote für eine Woche im Drei-Sterne-Hotel in Alanya samt Flug aus Wien und Rundum-Verpflegung schon ab 580 Euro.

Was daran liegt, dass die türkische Lira am Donnerstag auf ein neues Rekordtief gefallen ist. Binnen eines Jahres hat sie zum Euro 40 Prozent Wert verloren. Ein Österreicher erhält somit um 100 Urlaubseuro in der Türkei mehr als 171 Euro Kaufkraft – so viel wie sonst nur in Rumänien oder Bulgarien.

Das beflügelt den Tourismus, der nach dem vereitelten Putsch von Juli 2016 massiv eingebrochen war. Heuer segelt das Urlaubsland dafür auf Rekordkurs (siehe Fakten). Der Großteil sind Russen, gefolgt von Deutschen, Iranern, Georgiern und Briten. Auch die Ankünfte aus Österreich, die 2016 auf 2017 von 311.000 auf 288.000 gefallen waren, steigen heuer.

Seltsame Politik

Positive Meldungen aus den Bettenburgen hat das Land dringend nötig: Die Türkei steckt in einer Besorgnis erregenden Abwärtsspirale.

Mitverantwortlich ist die Notenbank, die auf Drängen Erdoğans die Zinsen viel zu spät angehoben hat. Dadurch geriet die Inflation außer Kontrolle, im Juni stiegen die Preise um 15,4 Prozent. Weil sie der Geld- und Wirtschaftspolitik misstrauen, ziehen ausländische Investoren Kapital ab. Was den Lira-Verfall beschleunigt und die Preisspirale weiter anheizt.

Der Präsident brüstet sich indes mit dem guten Wachstum und gigantomanischen Bauprojekten wie dem ostanatolischen Ovittunnel oder dem Istanbuler Flughafen, der im Oktober eröffnet.

Türkische Unternehmen stecken hingegen in einer Art Doppelmühle. Viele hatten sich in Fremdwährungen verschuldet – 388 Milliarden Dollar müssen zurückgezahlt werden. Durch den Lira-Absturz werden diese Schulden unleistbar. Keksriese Yildiz, Telekombetreiber Otas oder der Mischkonzern Dogus mussten schon Kredite in Milliardenhöhe umschulden.

Die Türkei sei auf Kapitalgeber angewiesen und die Auslandsverschuldung recht kurzfristig finanziert, warnte DZ-Bankanalyst Sören Hettler. Sanktionen, die den Zugang zu den Finanzmärkten einschränken, wären somit extrem heikel.

Die US-Sanktionen für türkische Minister seien momentan eher „ein Geplänkel. Aber das könnte etwas lostreten, das nicht beabsichtigt ist“, sagt Georg Krenn, stv. Wirtschaftsdelegierter in Istanbul, zum KURIER. Denn auch der Handelsstreit wirkt sich hemmend aus. Die Türkei hat als Vergeltung für die Stahl- und Aluzölle Strafzölle für Waren aus den USA verhängt – für Autos beträgt der Zuschlag heftige 35 Prozent.

Folgen für Österreicher

Die verschärften Zollkontrollen spüren auch heimische Firmen – täglich hätten zwei bis drei Probleme mit Waren, die festhängen. Alteingesessene Firmen investieren weiterhin, zumal das 80-Millionen-Einwohner-Land selbst in einer Krise Konsumartikel brauchen und Bauprojekte umsetzen würde. Die Prinzhorn-Gruppe hat gerade ein Papierwerk eröffnet. Die Schalungsfirma Doka ist bei vielen Bauprojekten involviert. Politgeplänkel seien nicht sehr relevant: Dass Österreich keine Führerscheinprüfungen auf Türkisch abnimmt, habe zwar für Schlagzeilen gesorgt. „Wirtschaftliche Auswirkungen sahen wir aber keine“, so Krenn.