© REUTERS/JONATHAN ERNST

Analyse
04/28/2020

Trump und Corona: Eigenlob trotz einer Million Infizierter

Auch nach seinen skurrilen Äußerungen ist der Präsident von sich überzeugt. Sein Konkurrent Joe Biden könnte profitieren.

von Irene Thierjung

Mit rasenden Schritten näherten sich die USA am Montag der Marke von einer Million Coronavirus-Infizierten und 60.000 Toten. Die Arbeitslosenzahl ist mit 26 Millionen Betroffenen auf einem Rekordhoch, die Wirtschaft am Boden. Doch worüber sprechen US-Medien, Kommentatoren und Bürger? Ihren erratischen Präsidenten.

Und auch Donald Trump selbst beschäftigt sich in seinen täglichen und nächtlichen Tweets nicht vorrangig mit dem weltweiten Thema Nummer eins – Seuchenbekämpfung, Shutdown und ersten Lockerungen –, sondern mit sich selbst.

"Desinfektionsmittel injizieren"

US-Vergiftungsnotrufe verzeichnen nach Trumps skurriler Mutmaßung vom Donnerstag, man könne das Coronavirus durch Injektion von Desinfektionsmitteln in den Körper bekämpfen, einen Anstieg an Anrufen.

Mancherorts sind Medien zufolge Desinfektionsmittel und Haushaltsreiniger ausverkauft; Experten warnen, ein Einnehmen oder Spritzen derselben könne tödlich enden.

Doch Trump entschuldigt sich nicht etwa für seinen historischen Fehltritt, sondern versucht mit Eigenlob davon abzulenken. "Die Leute, die mich kennen und die Geschichte unseres Landes kennen, sagen, dass ich der am härtesten arbeitende Präsident der Geschichte bin", prahlte er auf Twitter.

Einmal mehr fühlt sich der 73-Jährige von den Medien missverstanden. Besonders eingeschossen hat er sich neuerlich auf die New York Times. Das Blatt hatte vorige Woche unter Berufung auf Regierungsbeamte und Berater Trumps "seltsames neues Leben" beschrieben.

Der Staatschef komme derzeit erst mittags ins Oval Office, nachdem er zuvor stundenlang ferngesehen und Analysen über seine Corona-Performance konsumiert habe, heißt es in dem Bericht.

Pommes und Cola light

Und es ist davon die Rede, dass in Trumps privatem Speisesaal stets Pommes und Cola Light verfügbar seien – was den Fast-Food-Fan offenbar besonders wurmt. Er arbeite von früh bis spät, um dann eine "falsche" Geschichte über seine Arbeitsroutine und seine Essgewohnheiten zu lesen, ärgerte er sich.

Trump forderte von Reportern, ihren Nobelpreis zurückzugeben und rief das "Nobel-Komitee" sinngemäß auf, zu handeln – vermutlich meinte er den Pulitzerpreis, da es keine Nobelpreise für Journalismus gibt.

Auch wenn Trumps neue Pressesprecherin diesen Fauxpas – wie zuvor die Desinfektionsmittel-Hypothese – im Nachhinein als Sarkasmus verkaufen wollte, gelingt es den Republikanern ein halbes Jahr vor den Präsidentenwahlen kaum mehr, den Amtsinhaber als glaubwürdigen Anführer zu positionieren.

Strategie läuft ins Leere

Mit der Ausbreitung des Coronavirus kam ihnen ihr wichtigstes Argument im Kampf gegen die Demokraten abhanden: die gute Wirtschaftslage. Und nun droht angesichts von Trumps Ausrutschern auch eine zweite Strategie gegen den demokratischen Herausforderer Joe Biden ins Leere zu laufen: Den 77-Jährigen wegen seiner Gedächtnislücken als vergesslichen alten Mann darzustellen, der im Weißen Haus verloren wäre.

Dass Biden wegen der Anti-Corona-Maßnahmen nur aus einem Keller-Studio heraus wahlkämpfen kann, während Trump bis zuletzt täglich vor die Medien trat, galt als Vorteil für den Präsidenten – der sich wegen dessen fragwürdigen Aussagen nun in einen Nachteil verwandelt.

Trump will daher bis auf Weiteres keine Pressekonferenzen mehr abhalten, offiziell, weil die anwesenden "Fake-News-Medien" ihn falsch zitierten.

Sinkende Popularität

Dass Trump im Weißen Haus gut aufgehoben ist, bezweifeln übrigens immer mehr Amerikaner. Umfragen zufolge sind maximal 45 Prozent mit seiner Amtsführung zufrieden. Laut einer Umfrage des Instituts AP-NORC glauben die meisten Bürger ihrem Präsidenten nicht, wenn es um die Corona-Krise geht.

Sie halten sich eher an die Gouverneure der Bundesstaaten oder an Anthony Fauci, den prominenten obersten Corona-Berater der US-Regierung.

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