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Politik Ausland
04/30/2021

Tragödie in Israel: Viele Opfer und viele Schuldzuweisungen

Das Unglück beim Fest Lag Ba'Omer mit mehr als 40 Toten wird das Land lange beschäftigen. Polizei, Regierung und Religion stehen in der Kritik.

von Philipp Albrechtsberger

Es ist eines der wichtigsten jüdischen Feste und galt vor allem in Pandemiezeiten als Symbol des Neuanfangs. Der Überlieferung nach wird beim Lag Ba’Omer auch an das Ende einer Seuche erinnert. Und gerade Israel, wo beinahe schon sechs von zehn Menschen vollimmunisiert sind gegen das Coronavirus, wähnte sich dieser Tage auf dem Weg zurück.

Auch deshalb sollte an der heiligen Pilgerstätte im Dorf Meron im Nordwesten des Landes diesmal besonders ausgelassen gefeiert, getanzt und gesungen werden. Stattdessen befindet sich das ganze Land nun aber in einer Schockstarre.

Das jüdische Freudenfest wird am 33. Tag des Omer-Zählens zwischen Pessach und Schawuot begangen. Der Ursprung geht auf den Aufstand gegen die Römer 132–135 n. Chr. zurück. Rabbi Schimon Bar Jochai, der daran auch beteiligt war, liegt auf dem Berg Meron begraben. Der Ort ist für Tausende streng gläubige Juden eine wichtige Pilgerstätte.

Bei einer Massenpanik auf dem Veranstaltungsgelände sind in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mehr als 40 Menschen, darunter zahlreiche Kinder, ums Leben gekommen, rund 150 wurden verletzt. Die Nachrichtenseite Ynet schrieb von einer „menschlichen Lawine“, die auf einer engen Metallrampe losgetreten wurde. Videoaufnahmen zeigen Menschen, die umkippen wie Dominosteine und zu Tode getrampelt werden oder ersticken.

Selbst für erfahrene Rettungskräfte sind die Szenen schwer zu fassen. Ein Helfer vor Ort spricht von „Menschen, die Freude erleben wollten und die in Leichensäcken zurückkommen“.

Unter die Trauer mischt sich auch Wut und scharfe Kritik ob der Organisation des Festes. Im Vorjahr war die Veranstaltung aufgrund der Pandemieentwicklungen noch abgesagt worden. Nachdem die Israelis dank des Impffortschrittes zuletzt immer mehr Freiheiten zurückbekommen hatten, waren heuer offiziell 10.000 Besucher zugelassen worden. Schätzungen zufolge sollen dennoch drei bis vier Mal so viele Gläubige zur Pilgerstätte gekommen sein.

Video: So sah das Fest 2019 aus

Die rund 5.000 Sicherheitskräfte, die auch auf die Einhaltung von Corona-Maßnahmen achten hätten sollten, schienen überfordert. Videos zeigen, wie Polizisten in Panik fliehende Menschen aufhalten. Zeitgleich soll es Strenggläubige gegeben haben, die – so berichtet es die Polizei – mitten im Tumult nicht weichen und weiter beten wollten und es sogar auf eine Konfrontation mit den Sicherheitskräften ankommen ließen.

Der Polizeichef der Region übernahm sofort die Verantwortung für das Unglück und kündigte eine Untersuchung an. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reiste umgehend an den Unglücksort und nannte es eine „nationale Katastrophe“.

Frei von Kritik ist auch der Regierungschef nicht. Laut israelischen Medienberichten soll er vergangene Woche Vertretern der ultraorthodoxen Allianz „Vereinigtes Thora-Judentum“ zugesichert haben, dass für die diesjährige Veranstaltung weder Besucherbeschränkungen gelten noch Impfnachweise nötig sein werden. Die Zugeständnisse sind politisches Kalkül. Netanjahu ist angewiesen auf die Unterstützung der Allianz, die mit zwei Parteien in der Knesset vertreten ist.

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